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24. Dezember 2018

Was vom Wert der Familie übrig bleibt

Ein ganz persönlicher Kommentar zu einem Interview über Kinderbetreuung und Individualisierung

Was? War? Das? Ich glaubte zunächst, ich hätte mich verhört. „D’Kannerbetreiung ass déi Plaz, wou d’Kanner zesumme liewen, wou se di sozial Komponent kréien, wou se d’Diversitéit vun eiser Gesellschaft kréien...“ Und die Familie? Ich glaube, morgen beim Weihnachtsessen muss ich ein ernstes Wort mit meiner Mutter reden. Sie war stets zu Hause, hat sich - liebevoll - um meine Schwester und mich gekümmert, und, wie es so einfach dahergesagt wird, „si huet net geschafft“. Ich weiß nicht mehr (oder habe es verdrängt), ob ich ein schwieriges Kind war, aber ich weiß noch, dass meine Mutter viel gearbeitet hat... zu Hause, tagein, tagaus. Aber, ich muss trotzdem ein ernstes Wort mit ihr reden: nie konnte ich mit anderen Kindern zusammen leben, mir fehlen offensichtlich seit meiner Kindheit soziale Kompetenzen und Diversität ist ein Fremdwort für mich. Vielleicht werde ich bei derselben Gelegenheit auch ein ernstes Wort - wo wir schon dabei sind - mit meiner Frau reden, aus demselben Grund. Das wird sicher ein gemütlicher Tag...

Wer den hektischen Worten des Premierministers am 19. Dezember auf Radio 100,7 lauscht (das Interview ist ein wenig anstrengend (wenn auch bezeichnend), obwohl die Journalistin einen guten Job macht), dem wird unmissverständlich klar, dass das klassische Familienmodell nicht mehr erwünscht ist. In Zeiten von Individualisierung und hoher Scheidungsrate ist kein Platz mehr für Hausfrauen und -männer und Kindererziehung zu Hause - die Argumentation ist dürr, aber wen interessiert das schon. Und irgendwo beschleicht mich das Gefühl, ich müsste doch ein schlechtes Gewissen haben, bei allem, was wir unseren Kindern offensichtlich vorenthalten... Ich stutze, morgen ist doch Weihnachten, viele sagen, es wäre ein Familienfest. Aber, was verstehen sie unter Familie? Eine Frau, ein Mann, eine Kinderbetreuung?

Eine Frau, ein Mann, eine Kinderbetreuung?

Hört man nicht immer, wie wichtig Familie ist? Und welchen hohen Stellungswert sie in unserer Gesellschaft hat? Und was machen wir: Jeder lebt sein Leben, jeder verwirklicht sich selbst (wie es so schön heißt) und alle anderen, die dies noch nicht oder nicht mehr können, werden von morgens bis abends betreut - die Kinder, die Oma, der Hund. Wenn wir wollen, dass Familie Zukunft haben, müssen wir Familie leben, auch wenn das kein Selbstläufer und mitunter sogar anstrengender als ein Tag im Büro ist. Wenn Familie nur an jedem zweiten Wochenende, im Urlaub und beim Weihnachtsbaum stattfindet, wird es auf Dauer wohl eher nicht funktionieren.

Diese paar Zeilen sind weder ein Plädoyer gegen Kinderbetreuung (kostenlos, für die, die es brauchen) noch gegen eine Erwerbstätigkeit beider Elternteile (bei denen, die das müssen oder wollen). Aber, ich frage mich, ob Politik so weit in die Freiheit des Einzelnen und der Familie eingreifen will oder soll (besonders bei Parteien die sich die Freiheit groß auf die Fahne schreiben), dass eine familien- und kinderfreundliche Option einfach wegfällt. - Kurzer Zwischenruff: Erneut: „kee Choix!“ - Der Premierminister würde das wohl eilig verneinen, aber alle Indikatoren sprechen eine andere Sprache - und die Kinder gefragt, hat auch keiner. Irgendwo im Interview gibt er zu, dass die Individualisierung ihren Preis hat. Ja, sie hat ihren Preis, aber es ist womöglich nicht den Preis, den er meint. Die fortschreitende Individualisierung ist weder der Familie, noch der Gesellschaft und auch nicht dem Ehrenamt zwingend zuträglich. Könnte Politik nicht einen anderen Weg gehen? Die Hausmütter und -väter stärken? Ihren hohen Einsatz würdigen? Sie unterstützen und Familienzusammenhalt fördern... anstatt sie von ihrem gewählten Weg abzubringen mit so genannten „Incitatifs“ (vielleicht wäre ’sanfte Druckmittel’ passender) wie kostenloser Kinderbetreuung, Einzelbesteuerung und dergleichen mehr? Hier wird die Individualisierung, von der wir alle gar nicht so überzeugt sind, noch forciert...

Morgen, ich wiederhole mich, ist Weihnachten. Vielleicht ein guter Moment um mit Blick auf die Heilige Familie auf den Wert der Familie zu schauen... und vielleicht bin ich morgen meiner Mutter einfach nur dankbar, und meiner Frau.

 
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