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5. September 2020

Liebe als qualifizierter Ungehorsam

Kommentar zum 23. Sonntag im Jahreskreis von Winfried Heidrich (06.09.2020)

In der zweiten Lesung des Sonntags schreibt Paulus von der Liebe als dem tiefsten Sinn und der Erfüllung der zehn Gebote: Wer liebt, erfüllt das Gesetz. Der Gedanke umfassender Liebe hat im selben Kapitel des Römerbriefes in Vers 1 einen Vorspann: „Jeder ordne sich den Trägern der staatlichen Gewalt unter. Denn es gibt keine staatliche Gewalt außer von Gott; die jetzt bestehen, sind von Gott eingesetzt.“ Die menschliche Liebe hat sich nach Paulus unter dem Türsturz des staatlichen - später kirchlichen - Gehorsams hindurch zu bücken, um in den Raum tätiger Nächstenliebe zu gelangen. Liebe nicht in freier Verantwortung, sondern in Kontrolle institutionalisierter Macht: „Wer sich daher der staatlichen Gewalt widersetzt, stellt sich gegen die Ordnung Gottes.“ so der Apostel in Vers 2. Dieser Satz fordert Gehorsam zu einem System, nicht zu Gott oder einer Ethik. Wie geht das zusammen, wenn wir heute diesen Text lesen? Liebe und Unterordnung unter staatliche oder religiöse Macht? Geht Liebe nicht über Grenzen, über Grenzen des Gehorsams? In welchem Verhältnis stehen religiöser Gehorsam und staatliche Gesetze?

In seiner berühmten Schrift von 1784 „Die Beantwortung der Frage ‚Was ist Aufklärung?‘ “ schreibt Immanuel Kant: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen ... Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen.“ Kants Definition von Aufklärung setzt die Vernunft - den sich seines Verstandes bedienenden Menschen - an Stelle des Gehorsams gegenüber Staat und Kirche. Jede Form von Gehorsam muss sich argumentativ überprüfen lassen und kann nicht um ihrer selbst willen gefordert werden.

Die paulinische Anweisung zu theologischer Unterordnung und gläubigem Gehorsam ist weiter zentraler Bestand katholischer Lehre. In seiner Enzyklika „Veritatis splendor“ (1993) warnt Johannes Paul II vor „Auslegungen der Autonomie der menschlichen Vernunft, die mit der katholischen Lehre unvereinbar sind… und das moralische Erbgut der Kirche durch Thesen beeinträchtigen, die aus einem falschen Autonomiebegriff herrühren.“ Rettung kirchlicher Traditionen um den Preis der Freiheit des Denkens? Mit jeder religiösen Unterweisung ist auch Anweisung gemeint, Platzanweisung, im großen Raum der Religion. Menschen brauchen den Raum der Religion für ihre Sehnsüchte und ihre Traurigkeit, für ihre Gebet, für ihren Gesang, für das Wort Gottes. Aufgeklärte Christen brauchen ihn als Raum spiritueller Freiheit, jenseits aller Vorschriften. Wenn Erbgut unveränderlich sein soll, wären wir heute alle noch Bakterien.

Also kein Gehorsam, nur Liebe und sonst gar nichts? In Vers 9 schreibt Paulus: „Denn die Gebote: Du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht begehren und alle anderen Gebote sind in dem einen Satz zusammengefasst: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Liebe ist nicht abstrakt. Liebe ist aus biblischer Sicht mehr als individuell. Sie steht für Christen auf dem Fundament der zehn Gebote, die Wegweiser sind, Kompass eines inneren Gehorsams. Sie werden immer wieder neu in ihrem gesellschaftlichen Kontext zu lesen und interpretieren sein, auszuloten, abzuwägen. Liebe ist politisch, sie hat mit dem fernen Nächsten zu tun. Wenn Wasser und Boden heute in allen Ländern weiter privatisiert werden, um für wenige Gewinn abzuwerfen; was heisst dann stehlen? Wenn wir wissen, dass maßloser Konsum den Klimawandel beschleunigt; was heißt dann töten? Wenn Wahlen manipuliert werden; was heißt begehren? Der Text des Paulus über Unterordnung und Liebe zeigt uns Leser*innen die Ambivalenz des Gehorsams. Was immer Gehorsam heißt, er gilt keinem Erbgut dieser Welt. Das Blatt der Liebe wickelt den Stein des Gehorsams ein.

Quelle: Luxemburger Wort

Winfried HEIDRICH
 
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