Eine Begegnung, die Vorstellungen und Regeln auf den Kopf stellt
Kommentar zum 20. Sonntag im Jahreskreis A - Milly Hellers (16.08.2026)
Mancher unter uns waren vielleicht schon mal krank oder sind es. Mit der eigenen Gebrechlichkeit oder der eines nahestehenden Menschen konfrontiert zu sein, ist manchmal erschütternd. Diejenigen unter uns, die Kinder – oder Enkelkinder – haben, wissen, wie man sich als Eltern und Großeltern fühlt, wenn ein Kind schwer krank ist. Das Leiden des eigenen Kindes mitanzusehen, ist für Eltern eine zutiefst schmerzliche Erfahrung. Zudem kommt dann oftmals als gläubiger Mensch die Frage auf: „Warum lässt Gott das zu?“
Im Evangelium von diesem 20. Sonntag im Lesejahr A begegnen wir einer Mutter mit ihrem schwerkranken Kind. Und wir begegnen Jesus mit Antworten und Reaktionen, die zutiefst überraschend, ja sogar erschreckend sind. Um das besser zu verstehen, zunächst ein paar Worte zum biblischen Kontext. Jesus und seine Jünger befanden sich am See Genezareth in Galiläa. Jesus hatte heftige Auseinandersetzungen mit den Schriftgelehrten und Pharisäern. Sie warfen ihm vor, dass seine Jünger die religiösen Gesetze nicht befolgten. Auch seine Jünger verstanden nichts, und Petrus fragte ihn: „Sag uns, was du tun willst …“ Stellen wir uns den Ton und die Situation vor – und – die schreckliche Einsamkeit Jesu.
Dann machten sie sich auf den Weg zum Mittelmeer, in den heutigen Libanon, eine Strecke von etwa 150 Kilometern. Die heidnischen Einwohner von Sidon hatten bei den Israeliten einen schlechten Ruf. Zwischen diesen Kulturen gab es kaum Kontakte. Jesus – wahrscheinlich ziemlich genervt – kommt mit seinen Freunden dort an. Eine kanaanäische Frau kommt ihm entgegen und sagt: „Herr, hab Erbarmen mit mir. Meine Tochter wird von einem Dämon gequält.“
Die Reaktion Jesu ist – angesichts dessen, was er zuvor alles durchgestanden hat, menschlich, aber dennoch überraschend. Er ignoriert die junge Mutter. Das tut weh!!! Doch muss sie so sehr darauf bestanden haben, dass die Jünger, die es satthatten, ihr Gejammer zu hören, zu Jesus sagten: „Hilf doch dieser Frau, damit sie uns in Ruhe lässt. “
Auch hier ist die Reaktion Jesu überraschend. Er antwortet den Jüngern: „Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt.“ Wieder ist die Antwort Jesu schwer zu verstehen. Sind das kranke Kind und seine Mutter nicht auch Kinder Gottes? Liebt denn Gott sie nicht? Was hätten wir in einer solchen Situation getan? Aufgeben? Uns geärgert, weg gegangen?
Aber die Mutter gibt nicht auf – sie kämpft für ihr Kind – eben eine Mutter! Sie wirft sich vor Jesus auf den Boden und fleht ihn an: „Herr, hilf mir.“ Die Antwort Jesu ist erneut schroff, ja unerträglich. Er sagt: „Es ist nicht gut, den Kindern das Brot wegzunehmen und es den Hunden zu geben.“
Die Stärke dieser Frau ist bemerkenswert. Die Liebe zu ihrem Kind und – trotz allem – die Hoffnung, dass ER, Jesus, ihrem Kind helfen kann, geben ihr die Kraft und den Mut, dennoch nicht aufzugeben und für ihr Kind zu kämpfen. Selbst nach diesen doch zutiefst verletzenden Worten Jesu bleibt sie standhaft und sagt: „Ja, Herr, aber auch die Hunde essen die Krümel, die vom Tisch ihres Herrn fallen.“ Jesus ist beeindruckt vom Glauben dieser Frau. Er sagt: „Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du es willst.“ Und von diesem Moment an war das Mädchen geheilt. Es gibt viele Hypothesen, um die Reaktion Jesu zu erklären. Ich kann nicht weiter darauf eingehen, aber ich möchte aufzeigen, wie sehr sich durch diese Begegnung mit der kanaanäischen Frau auch Jesus entwickelt hat, dass er sich überzeugen ließ – und das dazu von einer Fremden, einer Frau. Jesus ist bereit, seine Vorurteile zu überwinden und neue Wege zu beschreiten.
Liebe Leserinnen und Leser, diese Erzählung beeindruckt mich sehr.
Wie hätte das Leben Jesu und die Verkündigung seiner Botschaft ohne die Begegnung mit dieser Frau ausgesehen? Und hätte es am See Genezareth nicht die Auseinandersetzungen zwischen ihm, den Pharisäern und den Jüngern gegeben, wäre er nicht in diese Gegend geflüchtet, um endlich ein wenig Ruhe zu finden.
Die Erfahrung Jesu kann uns zwei wichtige Haltungen aufzeigen:
- Bevor man eine Entscheidung trifft, sollte man sich den Meinungen anderer nicht verschließen, auch wenn es manchmal schwerfällt.
- Selbst Dinge, die man nicht sofort versteht, können im Nachhinein nützlich sein. Es ist dies wie die „Lebensschule", die niemand schwänzen kann.
Die Begegnung Jesu mit der Kanaanäerin zeigt, dass auch ER Schritt für Schritt in seine Mission hineingewachsen musste. Und dass ER bereit war, sich stören zu lassen.
Vielleicht durchleben auch wir manchmal schwierige Zeiten aufgrund von Krankheiten oder anderen Umständen und sind versucht, alles niederzuschmeißen. Die Begegnung Jesu mit der Kanaaniterin lädt auch uns ein, nicht aufzugeben. Vielleicht können wir in einer Zeit des persönlichen Gebetes die Haltung der verschiedenen Personen, ihre Worte und ihre Gesten betrachten, uns ihre Gedanken und Wünsche vorstellen…
• Wie hätte ich reagiert anstelle von Jesus, der Frau, der Jünger…?
• Vielleicht ändern sich – angesichts dieses Evangeliums – auch mein Blick und meine Überzeugungen – welche? – warum?
Jesus lädt uns ein, mit ihm darüber zu sprechen wie ein Freund mit seinem Freund.