Wo ist mein Platz?
Kommentar zum Sonntagsevangelium von Sr Danièle Faltz (31.08.2025)
Vielleicht ist es beruhigend und tröstlich zu wissen, dass sich schon vor 2000 Jahren die Menschen um die ersten und besten Plätze drängten. Geltungsdrang, der Wunsch, zu den Wichtigen zu gehören, das Gerangel am kalten Buffet oder das diskrete Vordrängeln, um auf dem Zeitungsfoto möglichst prominent zu erscheinen – all das ist keine neue Erscheinung. Es ist uns heute nur allzu vertraut und gehört wohl zu Menschen mit einem gesunden Selbstbewusstsein dazu.
Doch es würde mich wundern, wenn Jesus uns im Evangelium des heutigen Sonntags – das von der Tischordnung bei einem Festmahl spricht – lediglich einen Ratschlag für höfliches und demütiges Verhalten geben wollte.
Vielleicht will uns dieses Sonntagsevangelium vielmehr zu einer lebensentscheidenden Frage führen: Wo möchte ich meinen Platz wirklich finden – nicht nur einmalig bei einem Empfang oder Fest, sondern für immer? Wo gehöre ich hin? Wo kann ich wahrhaft zufrieden werden? Wo finde ich mein endgültiges, bleibendes Glück?
Die Mutter der Zebedäus-Söhne Jakobus und Johannes kam dieser Frage bereits erstaunlich nahe. Sie bat Jesus darum, ihre Söhne möchten im Himmelreich zu seiner Rechten und Linken sitzen dürfen (Mt 20,20–21). Auch wenn Jesus dieser Bitte nicht nachkam, zeigt sich darin doch eine richtige Ausrichtung: das Sehnen nach Nähe zu ihm, nach Bleiben bei ihm.
Für uns Christen ist Jesus die zentrale Figur unseres Glaubens. Er steht an erster Stelle – und sollte auch im Alltag diesen Platz einnehmen. Deshalb stellt sich bei allen wichtigen Entscheidungen immer wieder dieselbe Frage: Bringt mich das näher zu Jesus? Wenn er mir wirklich wichtig ist, dann ist es nur folgerichtig, seine Nähe zu suchen – ja, daraus sogar eine Priorität zu machen.
Den zweiten Teil des Evangeliums dürfen wir dabei nicht übergehen. Er zeigt uns, wo wir Jesus besonders nahe sind – nämlich gerade dort, wo wir ihn auf den ersten Blick nicht erkennen: „Lade Arme, Krüppel, Lahme und Blinde ein.“ Die Einladung solcher Menschen ist ein reiner Liebesdienst, ohne Gegenleistung, weil sie nichts zurückgeben können.
Noch bedeutender ist, dass Jesus sich – laut Matthäus 25 – mit diesen Ausgegrenzten identifiziert: „Ich war hungrig, ich war durstig … ich war fremd … im Gefängnis … . Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,31–46). Auch das Gleichnis vom barmherzigen Samariter kann in diese Richtung gedeutet werden: In dem verwundeten Menschen am Straßenrand wartet Christus selbst auf unsere Hilfe.
In unserer Zeit gibt es viele Formen der Ausgrenzung und zahllose Menschen, die auf Zuwendung angewiesen sind. Zum Glück gibt es auch viele, die sich ihnen zuwenden – nicht, um Christus in ihnen zu erkennen, sondern einfach, um Mitmensch zu sein. Ohne es zu wissen, sind sie damit Gott ganz nah.
So dürfen wir als Christinnen und Christen in der Zuwendung zum Mitmenschen einen Ausdruck unserer Sehnsucht erkennen: der Sehnsucht, Gott nahe zu sein, unseren Platz bei ihm zu finden. Dabei können wir uns auf Jesu Wort verlassen: „Wenn ich gegangen bin und euch einen Platz bereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin“ (Joh 14,3).
Unsere endgültige Bestimmung ist es, dort zu sein, wo Jesus ist: geborgen in der Liebe des dreifaltigen Gottes. Darum müssen wir uns nicht um die besten Plätze streiten – denn in Gottes Liebe gibt es den einmaligen Platz für jeden einzelnen Menschen.