Neuanfang: Licht für die Welt sein!
Kommentar zum vierten Adventssonntag, Jahr A – Weber Jean-Marie (21.12.2025)
„Dass man in der Welt Vertrauen haben und dass man für die Welt hoffen darf, ist vielleicht nirgends knapper und schöner ausgedrückt als in den Worten, mit denen die Weihnachtsoratorien die ‚Frohe Botschaft‘ verkünden: ‚Uns ist ein Kind geboren‘.“ So schreibt es die politische Denkerin Hannah Arendt in ihrem Buch «Vita activa». (2011, S. 317) Im Gegensatz zu ihrem Freund Martin Heidegger, für den das “Sein zum Tode” zentral war, sieht sie die Natalität (Gebürtigkeit) als «Wunder», als wichtigste Dimension für die Existenz des Menschen: „Der Neubeginn, der mit jeder Geburt in die Welt kommt, kann sich in der Welt nur zur Geltung bringen, weil dem Neuankömmling die Fähigkeit zukommt, selbst einen neuen Anfang zu machen, d.h. zu handeln.” (2011, S. 18) Dies schenkt «Glaube und Hoffnung». (2011, S. 317)
Wohl deshalb feiern wir noch immer die Geburt Jesu, da er einen radikalen Neuanfang gewagt hat. Er steht für eine neue religiöse und ethische Lebensform. Zentral sind ihm Liebe statt Hass, Gerechtigkeit statt Habsucht, Vergebung statt Verurteilung und Demütigung. Er steht für eine Zeitenwende, eine neue Ordnung, in der es keine Wertunterschiede zwischen den Menschen gibt und das Gesetz dem Menschsein dient und nicht umgekehrt. Zentral für das Menschenbild Jesu sind die Würde und die Souveränität des Menschen. Er hat «Gott den Vater gerettet», sagt Lacan. Die Botschaft Jesu ist radikal, beispielsweise wenn er zur Feindesliebe aufruft. Für manche Leute gilt das als politischer Wahnsinn! Und Sigmund Freud sah in diesem Gebot sogar eine Gefahr für unsere seelische Gesundheit. Je mehr wir versuchen, unsere Aggressivität zu verdrängen, desto unkontrollierter kann sie uns überwältigen.
Nichtsdestotrotz sind wir aufgefordert unserem (unbewussten) Begehren nachzugehen. Und so erzählt uns der Evangelist Matthäus, wie Marias Verlobter Josef von einem Neuanfang für die Welt durch seinen Sohn Jesus träumt. Wie radikal neu aber auch verunsichernd dieser Traum ist, erlebt er am eigenen Leib. Die Geburt dieses Kindes fordert ihn heraus, die damaligen Ehekonventionen zu brechen. Gottes Aufruf im Traum ist revolutionär, so Matthäus.
Die Evangelisten wussten allerdings, dass Veränderungen schwierig sind. Manchmal bevorzugen wir es, Schmerzen zu erleiden oder uns zu unterwerfen, anstatt unser Leben zu verändern. Wir verschließen uns, anstatt uns zu öffnen. Oft suchen wir Sicherheiten, obwohl es auf Mut zum Experimentieren ankommt.
Von anderen – oder, um es poetisch auszudrücken, von Engeln – ethisch angesprochen zu werden, fordert unsere Freiheit heraus. Freiheit ist die Voraussetzung für Liebe, Vergebung und Neuanfang. Deshalb sollten Christen an ihrer Freiheit, ihrer Einbildungs- und Urteilskraft arbeiten. Ohne Freiheit ist Christsein nicht möglich.
Vor der Freiheit haben wir allerdings oft Angst. (Kierkegaard, Fromm) Leider auch die Kirche. Zu schnell wird Poetisches dogmatisiert und werden Gesetze vorgeschoben, um sich gegen einen Aufbruch zu schützen. Dabei droht der Glaube an den Neuanfang und an die Liebe als Grenzerfahrung verloren zu gehen. So schwindet allerdings auch die Chance, das unergründliche Wort Gottes als wirksame Inspiration zu erfahren.
Nur durch Offenheit gegenüber dem unergründlichen Anderen können wir zu „Licht der Welt” (Mt 5,14) werden. Lasst uns anfangen, anzufangen!