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1. Mai 2021

Haltestellen für die Seele

Gedanken für den Weg durchs Leben. Mit Fotografien von Andrea Göppel

Religiöses Buch des Monats Mai 2021
Borromäusverein (Bonn) und St. Michaelsbund (München)

In unserer ganz auf Wirtschaftswachstum ausgerichteten Gesellschaft ist die permanente Beschleunigung aller Lebensbereiche ein ebenso unvermeidbares wie vielbeklagtes Phänomen. Dass ein zu hohes Tempo dem Menschen tatsächlich nicht guttun kann, ist für Wolfgang Öxler, Erzabt der Missionsbenediktiner in St. Ottilien, eigentlich klar: „Je mehr der Mensch sein Leben beschleunigt, desto mehr verliert er den Zugang zu seiner Seele. Unsere Seele reist langsam.“ (S. 9)

Damit auf unserem Lebensweg die Seele nicht hoffnungslos abgehängt wird, braucht es darum seiner Überzeugung nach immer wieder gewisse „Haltestellen“, Rastplätze, an denen die Seele ankern kann.

Erzabt Wolfgang Öxler bietet darum 14 thematische Haltestellen an, die Grunderfahrungen unseres Lebens aufgreifen und im Licht des Glaubens richtig einzuordnen helfen. Es sind Betrachtungen, von großformatigen Farbfotos begleitet, die sich jeweils durch aufeinander bezogene Begriffspaare umschreiben lassen: von „Sehnsucht & Aufbruch“ über „Suchen & Verzweifeln“, „Hindernisse & Brücken“ bis hin zu „Gottesvoll – den Menschen nah“. Dabei wird versucht, Bezug zu nehmen auf den Lebensweg des Menschen, der allerdings in der Regel nicht geradlinig, ohne Umwege und Rückschritte voranschreitet, der vielmehr vor allem aus vielen Spannungsverhältnissen besteht, innerhalb deren es das rechte Maß zu finden gilt.

Die Betrachtungen des Benediktinerabtes gehen aus von alltäglichen Lebenserfahrungen, von Gedichten oder Geschichten, Liedtexten, Zitaten berühmter Menschen, Weisheitstexten aus unterschiedlichen Kulturen und Epochen, biblischen Texten oder Psalmen, religiösen Überlegungen, oft auch aus der Ordensregel des heiligen Benedikt. Nicht selten enden sie auch mit einem kurzen Gebet, in dem alles zusammengefasst und vor Gott getragen wird. Dabei sind nicht alle vorgebrachten Gedanken völlig neu, wollen es auch gar nicht unbedingt sein, denn oft hilft es ja gerade, an Altbekanntes und selbst schon so Erfahrenes zur rechten Zeit erinnert zu werden oder auch eigene Empfindungen durch ähnliche Erlebnisse Anderer bestätigt und bekräftigt zu sehen.

Der Autor gibt auch viele bewährte Ratschläge zur praktischen Umsetzung der vorgestellten Einsichten – aber im Unterschied zu vielen sog. Lebenshilfe-Ratgebern nicht als zu bewältigende Aufgaben oder als Patentrezepte, mit deren Hilfe es nur an uns läge, ob unser Leben gelänge. Vielmehr wird immer wieder darauf hingewiesen, dass wir selbst gerade nicht das Glück unseres Lebens bewerkstelligen können, dieses vielmehr als Geschenk aus Gottes freier Liebe zu uns empfangen dürfen. Sehr schön ist das z.B. formuliert in der Betrachtung zur Begegnung der Jünger mit dem Auferstandenen: „Er lehrt uns, dass unsere offensichtlichen Erfolge allein das Leben nicht ausmachen und unsere augenscheinlichen Misserfolge es nicht zerstören. Der Auferstandene verkündet uns, dass Gott es ist, der uns leben lässt – vom ersten bis zum letzten Tag auf dieser Welt.“ (S. 61)

Die bewusst kurz gehaltenen Texte überfordern niemand. Sie streben keine vollständige systematische Auseinandersetzung mit den angesprochenen Themen an und belehren auch nicht, vielmehr regen sie zum eigenen Nachdenken an und weisen dazu in eine fruchtbringende Richtung.

Die begleitenden großformatigen Farbfotos vermitteln die jeweils passende Stimmung und bringen menschliche Grunderfahrungen bildhaft zum Ausdruck: Weite und Schönheit der Schöpfung, Licht und Dunkel, Nebel oder Wolken und Klarheit, eindrucksvolle Größe wie staunenswerte Komplexität im Detail, Reichtum der Farben, übersehene Kleinigkeiten, verschiedene Urbilder und Symbole (z.B. Wurzel, Brücke, Türe).

Insgesamt ist so ein in jeder Hinsicht wunderschöner Band entstanden, der ganz viele Menschen anzusprechen vermag, weltanschaulich oder religiös Suchende ebenso wie spirituell schon Erfahrene, und der dazu einlädt, das schöne Buch immer wieder in die Hand zu nehmen und daraus Kraft und Ermutigung für den eigenen Lebensweg zu schöpfen. (Sankt Michaelsbund)

Als „Religiöses Buch des Monats“ benennen der Borromäusverein, Bonn, und der Sankt Michaelsbund, München, monatlich eine religiöse Literaturempfehlung, die inhaltlich-literarisch orientiert ist und auf den wachsenden Sinnhunger unserer Zeit antwortet.

Bibliographische Referenz

  • Wolfgang Öxler, „Haltestellen für die Seele“, Herder Verlag, 2021.
    180 Seiten
    ISBN: 978-3-451-03279-0
 
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