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28. Mai 2021

Losgelöst

Kommentar zum Festtag der Heiligen Dreifaltigkeit von Winfried Heidrich (30.05.2021)

“Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.” Mit diesem Satz Jesu schließt das Matthäusevangelium ab. Keines der anderen Evangelien endet in solch bedingungsloser Zugewandtheit. Mit seinem letzten Satz geht Jesus aus der Welt, losgelöst nicht nur von der Erde, sondern auch von dem katechetischen Programm, das der Evangelist noch unmittelbar davor Jesus in den Mund legt. (Mt 28,18-20) Der Schlußsatz eröffnet mit der unverbrüchlichen Zusage Jesu an die Menschen eine neue Dimension. Er erinnert in seinem Beziehungsangebot an die Begegnung Mose mit Gott - an die Geschichte des “brennenden Dornbusch” - in der sich JHWH selbst als der “Ich bin da” bezeichnet. (Ex 3,14) Der “Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt” läßt sich weder religiös noch kirchlich vereinnahmen.

Die Frauen, denen Jesus nach seiner Auferstehung zuerst erschienen ist, tauchen in der theologischen Abschiedsszene, in der Jesus seinen Missions- und Taufauftrag nur Männern erteilt, nicht mehr auf. In der antiken jüdischen Kultur konnten Frauen kein rechtsgültiges Zeugnis abgeben. Folglich wird das apostolische Kerygma des auferstandenen Jesus auf der Bühne der jungen Kirche von Männern gesprochen. Der matthäische Sendungsauftrag zeigt wie alle Evangelien bereits eine männlich hierarchische Kirche. ”Die Ereignisse, die den ältesten Glaubenszeugnissen des Petrus und der Seinen zugrunde liegen, sind im Laufe der urchristlichen Tradition durch aktualisierende Interpretationen aus der matthäischen Theologie - und aller anderen neutestamentlichen Theologien - deutlich übermalt worden. Im Kern wird da schon eine reflexive Ekklesiologie gegeben.” (Edward Schillebeeckx: Jesus)

Die religiöse und politische Kultur aus der Zeit Jesu ist uns heute freilich fremd. Hier und jetzt glauben wir anders. Mit unserem Wissen über Welt und Mensch stehen alle Wahrheiten auf dem Prüfstand, auch die religiösen. „Was immer wahr ist, ist gerade jetzt nicht wahr.“ sagt Bonhoeffer. Religiöse Entwicklung ist mehr denn je zuallererst Aufgabe für die katholische Kirche selber. „Jesus uns hat keinen exakten Bericht oder eine Anzahl von Richtlinien und weisen Worten hinterlassen, die aus den Evangelien isoliert werden können. Was er hinterlassen hat, war eine Bewegung, eine Gemeinschaft von Gläubigen, ein universales Schalom…Die Erinnerungen an Jesus bleiben das leitende Prinzip, aber sie werden befruchtet durch die Fragen der Gegenwart. Und unsere Fragen sind andere als die vergangener Zeiten.” (Schillebeeckx)

Der matthäische Text mit dem Taufauftrag Jesu wirkt wie ein fest geschnürtes theologisch-katechetisches Paket. So war es ursprünglich wohl auch gedacht. Der Weg der jungen Kirche in die Welt war lang und unsicher. Heute werden „theologische Pakete“ in der katholischen Kirche immer noch wie von der Zeit unberührte Sendungen behandelt, die unveränderlich durch die Geschichte reisen. Doch die Pakete „ewiger Wahrheiten“ befinden sich in einem Prozess der Auflösung. Kirchliche Bindungen lösen sich und gehen ungefragt neue ein. Die Auflösungen zeigen, was „übermalt“ war und finden auf andere Weise wieder zusammen. Die Bewegung, für die Jesus stand, will, um ihr treu zu bleiben, immer neu gedacht und gelebt werden. Eine Bewegung, deren Erneuerung in einer erstarrten (Männer)Kirche viele Menschen ersehnen und vor der einige aus Verlust an Macht und Bedeutung Angst haben. Die Erneuerung kann, wie wir gerade erleben, nur von unten kommen. Im letzten Satz Jesu: “Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.” geht es um das Ganze. Es geht um den in einem Satz zusammengefassten Weltentwurf Jesu. Der Satz ist auch eine Einladung von uns an Jesus selber, an unseren Heute-Tisch, an dem Frauen und Männer das Brot segnen, brechen und unterschiedslos allen reichen, die sich mit Jesus um diesen Tisch versammeln.

Winfried HEIDRICH
 
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