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31. Oktober 2022

Paolo Scquizzato: Lob des unvollkommenen Lebens

Religiöses Buch des Monats November 2022

Selbstoptimierung ist in unserer Wettbewerbsgesellschaft ein wichtiges Ziel geworden, denn wir wissen genau: wer irgendeine Schwäche zeigt, gerät auf die Verliererstraße… Paolo Scquizzato hält diesem gefährlichen Trend ein „Lob des unvollkommenen Lebens“ entgegen. Kann es nicht unglaublich befreiend sein, auch einmal fünf gerade sein zu lassen? Gewiss – doch geht es dem Turiner Seelsorger, in Italien ein bekannter Autor spiritueller Literatur, noch um weit mehr. Nicht nur ein psychologischer Balanceakt ist nötig, um unsere Seele nicht zu überfordern und krank zu machen, unsere grundlegende Weltsicht und Lebenshaltung entscheidet sich an dieser Frage.

Scquizzato stellt an den Beginn seines Buches ein anschauliches Bild: Eine kostbare Perle ist im Grunde eine vernarbte Verletzung einer Muschel. Und das heißt nicht nur, dass Verletzungen geheilt werden können, sondern auch, dass Perlen überhaupt nur da entstehen können, wo es Verletzungen gibt. Eine unverletzte Muschel bleibt glatt und leer. Wir denken immer, wir müssten möglichst fehlerlos und perfekt sein, um von anderen akzeptiert zu werden, um Gott gefallen zu können. Doch „im Licht des Evangeliums zeigt sich, dass ausgerechnet dort, wo unser Inneres wie das der anderen verschattet und begrenzt ist, DER Ansatzpunkt einer befreienden Heilserfahrung liegt“. Für Scquizzato ist die Bibel voller Beispiele, wie Wunden zu Gelegenheiten werden, zu vergeben und zu lieben – und eben das ist die Substanz, die unsere Verletzungen so umhüllen kann, dass sie zu Perlen werden: die Liebe.

Das Evangelium zeigt uns, dass Jesus in die Welt gekommen ist, um uns die bedingungslose Liebe Gottes zuzusagen, um uns die Angst zu nehmen, wir könnten vor Gott nicht bestehen wegen unserer Fehler und Sünden, dabei will Gott uns gerade in unserer Unzulänglichkeit mit seiner Liebe beschenken. Der Weg zur Heiligkeit ist nach Scquizzato darum nicht der Versuch, ein moralisch untadeliges Leben zu führen, vielmehr das Eingeständnis unserer Unvollkommenheit und Bedürftigkeit – nur so können wir von Gott beschenkt werden. Ein christliches Leben zu führen, heißt darum, den „Weg der Zerbrechlichkeit“ (so der italienische Untertitel) zu gehen. Die Bekehrung, von der die Bibel spricht, ist unser Eingeständnis, voller Begrenztheiten, Verwundungen und Schuld zu sein – und uns gerade so von Gott geliebt zu wissen.

An einigen Bibelstellen zeigt der Autor auf, dass der einzige Weg, in Fülle zu leben, der Weg der Zerbrechlichkeit und Schwachheit ist. Der Weg Jesu bis ans Kreuz hat gezeigt, dass die Logik Gottes völlig anders ist als die der Menschen. Das Lamm, das geopfert wird, gewinnt am Ende das ewige Leben. Wir müssen zwar im Leben auch viel Leid ertragen, aber wir dürfen das Vertrauen haben, dass Gottes Liebe am Ende immer siegt. „Seine Liebe siegt selbst da, wo sie unterliegt: Im Scheitern am Kreuz hat sie den größten Sieg errungen.“ Dieses Vertrauen auf Gottes Liebe kann uns durch allen Schmerz und all unser eigenes Versagen hindurchtragen. „Glauben heißt also den lieben, der uns zuerst geliebt hat.“

Natürlich ist es nicht egal, wie wir unser Leben führen, die Gnade Gottes macht zwar keine Voraussetzungen, aber ihre Gabe wird auch zur Aufgabe, die Liebe, die Gott uns zusagt, erfordert auch eine Antwort. Doch muss es uns nicht verzweifeln lassen, dass wir diese Antwort immer nur unzureichend zu geben vermögen, dass wir immer wieder hinter dem Anspruch der Liebe gegenüber Gott und den anderen Menschen zurückbleiben: die Barmherzigkeit Gottes ist nicht begrenzt, wir dürfen die Gnade der Bekehrung immer wieder neu von Gott erbitten. „Wobei Sich-Bekehren nicht heißt, nicht mehr zu sündigen (so sehr wir das auch möchten!), sondern die Liebe Gottes in unserer Schwachheit und Sünde zu erfahren.“

Das Buch von Paolo Scquizzato ist eine wunderbare Ermutigung, sich die Grundlagen des christlichen Glaubens neu bewusst zu machen und so immer wieder zurückzufinden zu dem Leben in Fülle, das uns dieser Glaube eröffnet.

Als „Religiöses Buch des Monats“ benennen der Borromäusverein, Bonn, und der Sankt Michaelsbund, München, monatlich eine religiöse Literaturempfehlung, die inhaltlich-literarisch orientiert ist und auf den wachsenden Sinnhunger unserer Zeit antwortet.

Info

Bibliographische Angaben

Paolo Scquizzato, Lob des unvollkommenen Lebens. Eine christliche Alternative zum Perfektionismus, München, Verlag Neue Stadt, 2022.

 
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