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Europa . Europe  
19. Juli 2015

Das Geheimnis der Kraft Europas

Europa und die Gretchenfrage, von Marc Jeck

Die EU ist weit mehr als „nur“ eine Wirtschaftsunion oder eine politische Gemeinschaft, sondern vor allem eine Friedensgemeinschaft. Vor diesem Hintergrund haben Politiker, Autoren und auch Vertreter der Kirchen stets die Dualität Europa und Glauben hervorgehoben. Die Gretchenfrage begleitet Europa von Anfang an. Dass diese Frage in der bevorstehenden EU-Ratspräsidentschaft im „säkularen“ Luxemburg eine Rolle spielen wird, ist wohl eher auszuschließen.

Von der „christlichen Seele“ Europas

Theodor Heuss (1884-1963), der erste Bundespräsident Deutschlands, hat schon vor der Gründung der Montanunion eine klare Definition Europas und seiner Herkunft gegeben. Er sieht den Kontinent auf drei Hügeln erbaut: Golgotha in Jerusalem stehe für Frieden, die Akropolis in Athen für Demokratie und das Kapitol in Rom für eine Rechtsordnung.

„Wir müssen mit den Bürgerinnen und Bürgern über das reden, was Europa ausmacht, über die Geschichte Europas, über die Kultur, über die Religionsgeschichte Europas. Wenn man sich darüber Gedanken macht, kommt man sehr schnell auf griechischen Geist, griechische Philosophie, griechische Kunst und Kultur, griechische Demokratie. Man kommt sehr schnell auf Rom und das römische Recht, das bis zum heutigen Tag die Rechtsordnung der meisten europäischen Länder prägt, und auf römische Staatskunst. Man kommt sehr schnell auf den Ein-Gott-Glauben der Juden und der Christen, der Europa geprägt hat. Man kommt auf die Aufklärung, auf den Humanismus, auf die freiheitliche Verfassungstradition des Westens: Das alles macht Europa aus.“

Diese Auslegung von Theodor Heuss Europa-Trilogie stammt vom ehemaligen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, Prof. Erwin Teufel (*1939), der in der Europastadt Luxemburg nachdrücklich – auch im Hinblick auf den europäischen Missionar Willibrord – auf die christlichen Wurzeln hinweist: „Iro-schottische Mönche haben Europa geprägt“.
Besuch von Prof. Erwin Teufel auf dem Bockfelsen, wo der Gründervater und Katholik Robert Schuman in französischer und luxemburgischer Sprache spricht. (Foto : Photothèque de la Ville de Luxembourg-Charles Soubry)

Diese „gute Vergangenheit“ müsse für eine „gute Zukunft“ verpflichten, so der überzeugte Europäer und gläubige Christ Erwin Teufel während seines Luxemburg-Besuches im April 2015.

Anlässlich der Unterzeichnung der Römischen Verträge im Jahre 1957 unterstreicht der damalige luxemburgische Staatsminister Joseph Bech (1887-1975), dass mit der EGKS die europäischen Staaten geeint seien durch die „ewigen Werte, welche die Substanz der klassischen und christlichen Kulturen bilden“.

Bereits 1938, am Vorabend des Zweiten Weltkrieges, dekliniert der deutsche Theologe Karl Leisner (1915-1945) seine Europavision mit einem einzigen Satz von hoher Symbolkraft: „Christus, das Geheimnis der Kraft Europas“. Wenn man bedenkt dass dieser junge Diakon ein Jahr später von der Gestapo verhaftet wird und fünf Jahre lang im KZ in Dachau verbringen wird, wo er – als deutscher Häftling – von einem inhaftierten französischen Bischof (heimlich) zum Priester geweiht wird, dann bekommt dieser Satz eine besondere Tiefe, denn hier kniet der Feind vor dem Feind. „In dem Augenblick, als der französische Bischof Mgr Piguet dem deutschen Diakon Karl Leisner in Anwesenheit von Priestern aus ganz Europa – darunter auch zwei Luxemburger Geistliche – im Pfarrerblock von Dachau die Hände auflegt, wird der Keim für ein versöhntes Europa gelegt“, so der Bischof von Clermont-Ferrand Hippolyte Simon anlässlich des 60. Jahrestages der einzigen Priesterweihe, die in einem NS-Gefangenenlager vollzogen wurde. Kurze Zeit nach der Befreiung des Dachau am 29. April 1945, schreibt Karl Leisner in sein Tagebuch „Du armes Europa, zurück zu deinem Herrn Jesus Christus! (Dort ist Deine Quelle für das Schönste, was Du trägst). Zurück zu den frischen Quellen an göttlich wahrer Kraft! Heiland, lass mich ein wenig Dir dabei Instrumentum sein, o ich flehe Dich an!“. Und noch auf dem Sterbebett sagt er den Satz „Segne auch, Höchster, meine Feinde“. Der 1996 seliggesprochene Geistliche wird somit zu einem Visionär eines in Eintracht lebenden Kontinents Europa.

Der „Keim eines versöhnten Europas“ wird mit dem in Luxemburg geborenen Robert Schuman (1886-1963) – einem überzeugten Katholiken – zum Sauerteig: „Et par un paradoxe qui nous surprendrait, si nous n’étions pas chrétiens - inconsciemment chrétiens peut-être - nous tendions la main à nos ennemis d’hier, non simplement pour pardonner, mais pour construire l’Europe de demain“. Viele leidenschaftliche Baumeister werden sich in die Baustelle Europa der Nachkriegszeit einbringen.

Europa als „Träger des Glaubens“

Anlässlich seines Besuches in Echternach am 16. Mai 1985 ermutigt Papst Johannes Paul II. (1920-2005) die Jugend, „einem neuen Europa die Wege zu bereiten; einem Europa nicht nur der Waren und Güter, sondern der Werte, der Menschen und der Herzen; einem Europa, das im Glauben an Gott und an Christus und in der Besinnung auf seine eigene christliche Vergangenheit seine Seele wiederfindet. Dieser Seele Europas, seiner echten, christlichen Seele, die einmal den europäischen Menschen geformt hat“. Der Pontifex spricht an der Grabstätte des Luxemburger Landesapostels von der „ureigenen Berufung Europas, das vor anderen Kontinenten die Aussaat des Evangeliums in so reichem Maße empfangen hat, dieses Geschenk weiterzureichen“.

Vor den EU-Institutionen auf Kirchberg spricht der 2014 heiliggesprochene Johannes Paul II. folgende Worte: „Je formule le vœu ardent que l’Europe sache réagir à tout ce qui affaiblirait les bienfaits d’une juste éthique, afin de mettre en lumière la vérité de l’homme. Et comment ne pas souhaiter que, grâce à des échanges culturels élargis, tous les pays de l’Europe puissent promouvoir les valeurs qu’ils ont en commun“.

Fast 30 Jahre später – am 25. November 2014 – wird Papst Franziskus im Europaparlament in Straßburg ebenfalls die Werbetrommel für ein werteorientiertes Europa rühren: „Ein Europa, das nicht mehr fähig ist, sich der transzendenten Dimension des Lebens zu öffnen, ist ein Europa, das in Gefahr gerät, allmählich seine Seele zu verlieren und auch jenen ‘humanistischen Geist’, den es doch liebt und verteidigt. (…) die Stunde ist gekommen, gemeinsam das Europa aufzubauen, das sich nicht um die Wirtschaft dreht, sondern um die Heiligkeit der menschlichen Person, der unveräußerlichen Werte; das Europa, das mutig seine Vergangenheit umfasst und vertrauensvoll in die Zukunft blickt, um in Fülle und voll Hoffnung seine Gegenwart zu leben. Es ist der Moment gekommen, den Gedanken eines verängstigten und in sich selbst verkrümmten Europas fallen zu lassen, um ein Europa zu erwecken und zu fördern, das ein Protagonist ist und Träger von Wissenschaft, Kunst, Musik, menschlichen Werten und auch Träger des Glaubens ist. Das Europa, das den Himmel betrachtet und Ideale verfolgt; das Europa, das auf den Menschen schaut, ihn verteidigt und schützt; das Europa, das auf sicherem, festem Boden voranschreitet, ein kostbarer Bezugspunkt für die gesamte Menschheit!“

Am 28. Juni 2003 appelliert Johannes Paul II. in seinem apostolischen Schreiben „Ecclesia in Europa“ an Europa : „‘Kehre du selbst um! Sei du selbst! Entdecke wieder deine Ursprünge. Belebe deine Wurzeln!’ Du hast im Laufe der Jahrhunderte den Schatz des christlichen Glaubens empfangen. Dieser begründet dein soziales Leben auf den Prinzipien des Evangeliums, und seine Spuren sind in den Künsten, in der Literatur, im Denken und in der Kultur deiner Nationen wahrnehmbar. Doch dieses Erbe gehört nicht nur der Vergangenheit an; es ist ein Zukunftsplan zum Weitergeben an die künftigen Generationen, weil es der Ursprung des Lebens der Menschen und Völker ist, die miteinander den europäischen Kontinent geschmiedet haben“.

Bei der Bewußtwerdung seines geistigen Erbes benötige Europa einen „qualitativen Sprung“: „Dieser Impuls kann ihm nur von einem erneuerten Hören auf das Evangelium Christi zukommen (…). Im Zusammenhang mit der legitimen wirtschaftlichen und politischen Einheit Europas erkennen wir die Zeichen der Hoffnung, die aus der Bedeutung erwachsen, die dem Recht und der Lebensqualität zuerkannt wird; auf der anderen Seite aber wünschen wir uns lebhaft, daß in einer schöpferischen Treue zur humanistischen und christlichen Tradition unseres Kontinents der Vorrang der ethischen und geistlichen Werte garantiert werde“.

Maria, die „Mutter Europas“

Maria und Europa : Seit 1956 schmückt das Glasfenster mit Maria und der Europaflagge die Chorapsis des Straßburger Münsters. (Foto : Nordpool)Ein aussagekräftiges, plastisches Zeugnis der Dualität Europa-Glaube finden wir exemplarisch in der Kathedrale von Straßburg, welche dieses Jahr das Millenium der Grundsteinlegung feiern darf. 1956 stiftet der Europarat das Chorfenster mit einer Mariendarstellung: Maria die Arme über Europa ausbreitend. Im oberen Teil des Glasfensters, über dem Haupt der Regina Pacis, befindet sich die Europaflagge – zwölf goldene Sterne vor azurblauem Hintergrund – und das nur einige Monate nachdem die Fahne vom Europarat am 8. Dezember 1955 – einem Marienfest (!) – offiziell angenommen worden ist. In einer (inoffiziellen) Interpretation der heutigen Europafahne stehen die 12 Sterne für den sogenannten Sternenkranz der Madonna, welche die 12 Stämme Israels sowie die 12 Aposteln symbolisieren.

Interessanterweise thront an der Fassade der Repräsentation der Europäischen Kommission in Luxemburg ebenfalls eine Marienstatue. Und hat nicht der Heilige Johannes Paul II. der Muttergottes als Fürsprecherin eine besondere Rolle in Europa zugewiesen?

„Die wirklichen Zentren der Welt- und Heilsgeschichte sind nicht die betriebsamen Hauptstädte von Politik und Wirtschaft, von Geld und irdischer Macht. Die wahrhaften Mittelpunkte der Geschichte sind die stillen Gebetsorte der Menschen“, sagt der aus Polen stammende Pontifex anlässlich seines Aufenthaltes im Gnadenort Kevelaer, das er als „Europa des Glaubens“ bezeichnet. In Kevelaer reichen nach dem Zweiten Weltkrieg Bischöfe aus Frankreich, Holland, Belgien und Luxemburg den deutschen Kirchenfürsten die Hand der Versöhnung.

Seit 1948 finden in Lourdes, Altötting und Kevelaer zeitgleich an jedem Samstag Friedensmessen statt. Die Marienwallfahrtsorte in Europa sind gewichtige europäische Begegnungsstätten, wo sich Menschen aller Völker und Nationen treffen. Und Maria, die „Mutter Europas“, nimmt die europäische Staatengemeinschaft unter ihren Schutzmantel.

Ein gutes Stück Europa wird durch das „Geheimnis der Kraft Europas“ dekliniert, und so lange der homo religiosus in Europa wohnhaft ist, darf die Gretchenfrage in und an Europa immer wieder gestellt werden – auch in Luxemburg.

Foto auf der Homepage: Ein Zufall mit großer Symbolkraft: Über dem europäischen Informationsbüro der „Maison de l’Europe“ thront eine Marienstatue und mahnt die Besucher, die christlichen Wurzeln nicht ganz aus der Staatengemeinschaft hinauszukomplimentieren (Foto: Marc Jeck).

Marc JECK
 
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