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Jahr B (2017-2018)  
9. Dezember 2017

Die großen und die kleinen Erzählungen

10.12.2017

Mk 1,1-8

Am Anfang seines Evangeliums lässt Markus den Propheten Jesaja zu Wort kommen: „Eine Stimme ruft in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen!“ Und unmittelbar weiter heißt es im Jesaja-Text der ersten Lesung am 2. Advent: „Jedes Tal soll sich heben, jeder Berg und Hügel sich senken. Was krumm ist, soll gerade werden, und was hüglig ist, werde eben.“ Alle Hindernisse, die beim Erscheinen der Herrlichkeit JHWHs im Wege stehen, sollen also beseitigt werden. Mit diesen starken Worten versucht der Prophet Jesaja, der (Glaubens)trägheit des Volkes Israel, das fern seiner Heimat im babylonischen Exil lebt, zu begegnen. Die Hoffnung der Verbannten auf Heimkehr soll neu belebt werden.

Wie ein großes Tympanon, eine aus Stein gehauene Erzählung, steht der Jesaja-Text über dem Eingang zum Evangelium. Mächtige Trostworte, die den Menschen die Größe Gottes zeigen sollen. Markus nun schließt sich zu Beginn seines Evangeliums dieser Wortmächtigkeit des Propheten an und legt dieses Zitat Johannes dem Täufer in den Mund, der dem Volk in Judäa einen Menschen ankündigt, der größer ist als er und jeder andere.

Wer kam, war ein unbekannter Mann, der sich von Johannes inmitten anderer Menschen taufen ließ. Er verkündete statt der Rückeroberung des verlorenen Reiches der Israeliten das „Reich Gottes“ mitten unter uns und im Herzen eines jeden Menschen. Nicht erneute Landnahme, vielmehr Parteinahme für die Armen und Entrechteten war die Botschaft von Jesus.

Beim Hören der Jesaja-Lesung entsteht vor dem inneren Auge eine spirituelle Landschaft, in der das Bestehende beseitigt werden soll. Dieses Bild einer „religiösen Tabula rasa“ schüchtert mich ein. Wen vermag ein solches Bild heute zu trösten oder in seinem Glauben zu ermutigen? Dennoch gibt es diesen Wunsch (und seine Erfüllung) nach einer machtvollen religiösen Sprache in Zeiten „transzendentaler Obdachlosigkeit“ (Lukacs). Wie oft wünschen wir uns heute, dass Bestehendes so keinen Bestand mehr haben soll? Wie oft wünschen wir uns, wenn schon keinen religiösen, so wenigstens einen politischen Retter. „Immer sind die Menschen auf der Suche nach der ,Lichtgestalt‘, dem Außergewöhnlichen, in der Wüste Judäas und heute, in der Öde unserer Städte, wo man sich mit dürftigerer Kost begnügt: den „Heiligen“ des Wissens, der Kunst, der Medien, des Sports. Sie werden gebraucht und auch die Altäre, auf die man sie stellt. Die Mission des Täufers besteht in fast nichts anderem als sich solchen Heilserwartungen zu entziehen und Platz zu schaffen: Ich bin es nicht. Die Projektionsfläche der Wünsche verschwindet und die Menschen werden auf sich selber verwiesen.“ (Tiemo Rainer Peters: „Entleerte Geheimnisse“; der Dominikaner und Theologe ist am 25. November 2017 gestorben.)

Die „großen Erzählungen“ (Lyotard), die die Welt erklären und (für immer) deuten wollen, wie hier die des „Alten Testaments“ und ebenso die „große Erzählung“ des Christentums mit ihren fatalen Theologien sowie ihrer Machtgeschichte werden durch die Relektüre der Geburt Jesu im wahrsten Sinne des Wortes durchkreuzt. Aus spiritueller Höhenluft immer wieder auf den Boden gestellt. Hier und Jetzt! Wenn wir Jesus verstehen und ihm nachleben wollen, geschieht dies in unseren eigenen gelebten „kleinen Erzählungen“. Im Markusevangelium gibt er uns seinen unorthodoxen Weg vor: Er spricht die Menschen an, die er trifft, „Kommt mit“. Seiner Popularität begegnet er dabei konsequent mit Rückzug. Er bricht die religiösen Regeln auf die wesentlichen Bedürfnisse der Menschen herunter. Und „eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als ein Reicher in das Reich Gottes gelangt“. (Ein Satz, den die Kirchen noch heute feierlich missachten.) Aus der großen Straße, die alles einebnet, werden die vielen Wege der Männer und Frauen, die Jesus finden und die ihm nachfolgen. Es sind „kleine Erzählungen“, gelungene und misslungene Glaubensgeschichten, bis hin zu denen seiner beiden letzten – links und rechts – Begleiter am Ende seines Lebens. Die „kleinen Erzählungen“ des Glaubens tragen die „große Erzählung“ des Christentums.

Die großen und die kleinen Erzählungen der Bibel stehen oft unpassend, aber zueinander gehörend, Seite an Seite, Seite auf Seite. Sie geben uns zu denken. Als Bertolt Brecht nach seinem Lieblingsbuch gefragt wurde, sagte er: „Sie werden lachen, die Bibel.“ Wir ahnen, warum. Als Kinder sind wir früher (als es noch gut schneite) nach der Mette in die Finsternis und in den frischen Schnee gelaufen. Wir haben mit unseren Gummistiefeln Wege in den Schnee gezogen. Das große Weiß mit Füßen beschriftet. Die geraden Straßen krumm gemacht. Eine Freude und ein Fest kindlicher Schöpfungen. Hinter uns die erleuchtete Kirche, Lesungen wie von Jesaja, Orgelmusik und die Erwachsenen. Sie mussten unseren Spuren folgen. Spuren, die bald geschmolzen sind oder von anderen neu gezogen wurden.

Quelle: Luxemburger Wort

Winfried HEIDRICH
 
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