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Jahr B (2017-2018)  
16. Juni 2018

Gottes Saat geht auf

Der Kommentar zum 11. Sonntag im Jahreskreis von Elisabeth Werner (17.6.18)

Mk 4, 26-34

„Er redete nur in Gleichnissen zu ihnen“, schreibt der Evangelist Markus. Jesus ist ein Erzähler; mit dem Gleichnis, dieser „gewaltfreien Form der Lehre“, sagt Eugen Drewermann, lässt er den ZuhörerInnen frei, das Bild anzunehmen, innerlich einzuüben und für sich und andere Menschen fruchtbar zu machen.

So ist es mit den beiden Gleichnissen der aufgehenden Saat und des Senfkorns (Mk 4, 26-34), mit denen Jesus sich an den Kreis seiner Jünger und Jüngerinnen wendet im Anschluss an die Gleichnisrede vor der Menschenmenge am See Genezareth. Ohne die kraftvollen Bilder zerreden zu wollen, seien im folgenden einige Stichworte herausgegriffen.

Der Acker: Das Reich Gottes wächst bei Nacht und bei Tag, zwischen Himmel und Erde, mitten am Ort, wo wir leben, lieben und arbeiten; nicht in einer religiösen oder virtuellen Parallelwelt. – Welche Bilderfluten und Welten muss ich verlassen, um den gemeinten Acker beziehungsweise Garten wahrzunehmen?

Das Weizenkorn und die Senfsaat – „Brassica nigra“, eine bis zu zwei Meter hohe Gartenstaude: Beide dienen der Nahrung beziehungsweise Herrichtung der Lebensmittel. Der Sämann hat ein Ziel und eine Hoffnung vor Augen, wenn er die kleinen Samen in die Erde legt. – Wie ziellos bin ich, wie blind für das Potenzial im Kleinen, Unscheinbaren?

Die Saat enthält ein ganzes Wachstumsprogramm. Zielstrebig und energiegeladen geht sie von selbst auf – „automatisch“ steht im griechischen Text. Der Mensch seinerseits darf loslassen. Wir sind weit entfernt vom Aktivismus, von der Vordergründigkeit und Beliebigkeit einer hektischen, von „breaking news“ zerstreuten Welt. „Der Mensch soll alle Dinge lassen und in Sammlung all seiner Kräfte in seinen tiefen Grund kommen“, schreibt der Mystiker Johannes Tauler. – Kann ich dem ruhigen Reifen Zeit und Raum geben?

Wachstum heißt Verwandlung. Wachsen ist ein Wort der Gegenwart, zwischen „schon“ und „noch nicht“. Der Evangelist detailliert den Werdegang vom Keim bis hin zur vollen Ähre. Am Senfstrauch bieten weite Zweige den Vögeln Schatten. Über erstaunliche Prozesse setzt das Reich Gottes, die Liebe, sich sanft und herrschaftsfrei durch. – Habe ich Angst vor Veränderung? Überspringe ich Etappen?

Nun ist die Erde um das Senfkorn dunkel. Wir haben keinen Überblick über das Wachstum; oftmals bereitet es Schmerzen. Mehr noch: Wir erleben und erfahren, dass Saaten überhaupt nicht aufgehen, Leben und Umwelt ungeduldig zerstört, Saatgut patentiert, Menschenrechte verachtet, Gespräche abgebrochen werden, Demokratien zerschellen, Hoffnungen platzen, Menschen nichts dazulernen.

Jesus selbst geht dem Kreuz entgegen. Eine ländliche Idylle kann mit diesem Gleichnis somit nicht gemeint sein, es wäre sarkastisch.

Der Naturwissenschaftler und Theologe Pierre Teilhard de Chardin beschreibt die Hoffnung, die gemeint ist: „Hab’ Vertrauen in das langsame Arbeiten Gottes! Ganz natürlich drängen wir in allen Dingen ungeduldig dem Ziele zu. Wir möchten die Zwischenstufen überspringen. Wir leiden voller Ungeduld darunter, zu etwas Unbekanntem, Neuem unterwegs zu sein. Dabei ist es das Gesetz jedes Fortschreitens, dass sein Weg über das Unbeständige führt – das eine sehr lange Zeit andauern kann. (...) Deine Gedanken reifen ganz allmählich, lass sie wachsen, lass sie Gestalt annehmen, ohne etwas zu überstürzen! Versuche nicht, sie zu zwingen, so als könntest du heute schon sein, was die Zeit – das heißt die Gnade und die Umstände, die auf deinen guten Willen Einfluss nehmen werden – morgen aus dir machen wird. Schenke unserem Herrn Vertrauen, und denke, dass seine Hand dich gut durch die Finsternisse und das Werden führen wird – und nimm aus Liebe zu ihm die Angst auf dich, dich im Ungewissen und gleichsam unfertig zu fühlen.“

Quelle: Luxemburger Wort

Elisabeth WERNER
 
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