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Jahr B (2017-2018)  
16. Dezember 2017

Löscht den Geist nicht aus!

17.12.2017

Joh 1, 6-8.19-28

„Löscht den Geist nicht aus!“ heißt es in der sonntäglichen Lesung des 1. Briefes an die Thessalonicher. Schon dieses frühe christliche Dokument des Apostels Paulus kennt das zentrale Problem eines lebendigen oder gefesselten Geistes unter den Christen.

Die Frage des Geistes beschäftigt uns heute in der Kirche bedauerlicherweise viel weniger als die zeitraubenden Strukturfragen, denen gleichwohl eine wichtige Bedeutung zukommt, wie der aktuelle Streit um das Thema Kirchenfabriken/Kirchenfonds beeindruckend zeigt. Zweifelsohne macht auch die Art des kommunikativen Umgangs mit organisatorischen Fragen in der Institution Kirche Geisteshaltungen sichtbar.

Nun verhalten wir uns, als stehe der Geist der katholischen Kirche – theologisch festgeschrieben im „Apostolischen Glaubensbekenntnis“ – immer zur Verfügung. Im Apostolischen Glaubensbekenntnis heißt es: „Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige katholische Kirche“. Optisch scheint es, als passe zwischen Heiligem Geist und katholischer Kirche kein Blatt Papier. Nur der kleine Zaun eines Kommas trennt sie. Quasi zwei Seiten einer Medaille. Doch wie soll die Kirche sich vom Heiligen Geist inspirieren lassen, wenn sie selber glaubt, dieser wohne praktisch Tür an Tür mit ihr? (Wenn der eine mal in Urlaub ist, geht der andere bei ihm Blumen gießen und die Post reinholen.)

Auf dem Papier also wohnen wir in unserer Buchreligion nahe beim Geist. Eine Nähe, die uns, wäre sie so, verbrennen würde. Die irrtümliche Gewissheit dieser vermeintlichen Nähe birgt die Gefahr, den Heiligen Geist ebenso wenig zu vermissen, wie wir Gott nicht vermissen, denn wir haben ihn ja im täglichen Umgang, in Liturgie, in Katechese, in Paränese bei uns. Eine inspirierende Kraft hat aber wesentlich mit einer Abwesenheit, mit dem Suchen, dem Finden und dem Verlieren zu tun. Mit einer Sehnsucht zu dem fernen Gott und seinem Heiligen Geist: „Der Mensch kann nicht leben ohne ein dauerndes Vertrauen zu etwas Unzerstörbarem in sich, wobei sowohl das Unzerstörbare als auch das Vertrauen ihm dauernd verborgen bleiben können.“ (Franz Kafka)

Wie kann das geschehen, den Geist auslöschen? Wenn wir uns fragen, warum unsere christlich erzogenen Kinder – die nun erwachsen gewordene Generation – mit der Kirche und deren Geist so gut wie nichts mehr zu tun haben (wollen), dann beklagen wir vor allem ihre Abwesenheit in der Kirche oder gar ihre religiöse Gleichgültigkeit. Und ohne Zweifel gibt es diese. Groß angelegte kirchliche Jugendaktionen mögen punktuell darüber hinwegtäuschen, dass sich Jugend und Kirche immer weniger kennen und einander fremder werden. Wohl wünscht sich die Kirche Kontakt zu den jungen Menschen. Nur versteht sie es nicht, sich um deren eigenwillig spirituelle Fragen zu bekümmern. Denn die Kirche hat gelernt, aus ihrem Lehrgebäude heraus, Antworten zu geben, die für alle gültig sein sollen. Sie hat weniger gelernt, auf Fragen zu hören, die nicht in ihre Denk- und Sprachwelt passen. Zudem gibt es auf Fragen des Lebens sowieso keine allgemeingültigen Antworten mehr. In seinem schönen Buch „Über die Verborgenheit der Gesundheit“ schreibt der Philosoph Hans-Georg Gadamer: „Doch gelingt dieses Gespräch eigentlich erst, wenn man in ein Gespräch gerät, das keiner führt, sondern das uns alle führt ... Das eigentliche Wunder der Sprache ist doch wohl, wenn einem – vielleicht gegen alle Vorschriften – gelingt, das rechte Wort zu finden oder von dem anderen das gute Wort aufzunehmen.“ Der Geist weht, wo er will, heißt es im Johannesevangelium.

In einem wirklichen Gespräch mit der Jugend, und nicht nur mit der, gäbe es Fragen: die nach der Rolle der Frau in den Ämtern der katholischen Kirche, nach der gleichgeschlechtlichen Liebe, nach dem Leiden, nach eigener Verstrickung in Schuld, nach der Gerechtigkeit in der Welt, nach einem gelingenden Leben, nach einer Auferstehung, an die immer weniger Menschen glauben, nach der Angst vor dem Sterben, nach der Selbst- und der Nächstenliebe. Nach Gott. Es sind keine Themen eines Zeitgeistes, es sind existenzielle Fragen nach den Möglichkeiten religiösen und menschlichen Daseins, die keinen loslassen. Eine Kirche, der sich diese Fragen nach Gott bedrängend selber stellten – oft fern des Altars – und die diese unlösbaren Fragen als Teil ihrer Mitte verstünde, diese Kirche wäre eine unverzichtbarere Gesprächspartnerin in Zeiten wachsender fundamentalistischer Weltanschauungen und tiefer religiöser Verlassenheit.

„Der Gottesbegriff, wenn er seine erlösende und sinnstiftende Kraft für heute zurückgewinnen will, muss eher mit dem Gedanken der nicht verfügbaren Freiheit und der glücklichen Fügung, als dem der zeitlosen Dauer und der bürokratischen Organisation in Verbindung gebracht werden.“ (Tiemo Rainer Peters: Entleerte Geheimnisse)

Quelle: Luxemburger Wort

Winfried HEIDRICH
 
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