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11. August 2015

„Christus, meine Leidenschaft“

Vor 70 Jahren, am 12. August 1945, starb der katholische Märtyrer Karl Leisner, von Marc Jeck

Europäischer Visionär, inniger Marienverehrer, Ikone der Ökumene, lebendiges Beispiel der Versöhnung inmitten des Zweiten Weltkrieges und authentischer Zeuge des Glaubens, dessen ganze Leidenschaft in Christus mündet. So könnte man mit einigen Worten die wichtigsten Eigenschaften des in Luxemburg weniger bekannten seligen Karl Leisner (1915-1945) resümieren, der am 12. August 1945 nach über fünf Jahren Nazi-Gefangenschaft gestorben ist.

Zeugen aus Luxemburg bei Leisners Priesterweihe

Und doch verbindet Karl Leisner einiges mit Luxemburg. Der am 28. Februar 1915 in Rees am Niederrhein geborene Theologe ist als siebenjähriger Junge bereits zum Gnadenort der „Trösterin der Betrübten“ nach Kevelaer gepilgert, wo die Luxemburger Muttergottes seit 1642 in besonderer Weise verehrt wird. Immer wieder wirkt der niederrheinische Wallfahrtsort wie ein Magnet auf den späteren Geistlichen. Im Jahre 1933 zieht Karl Leisner in Erwägung Luxemburg zu besuchen – Passangelegenheiten sind bereits geklärt und Prospekte bestellt –, doch die politischen Ereignisse lassen einen Auslandsaufenthalt als „inopportun“ erscheinen. In seinen Tagebüchern notiert Leisner, dass er am 13. August 1935 an der belgischen Küste mit einem „luxemburgischen Kommunisten“ gesprochen habe. Luxemburger wird er vor allem einige Jahre später im KZ in Dachau begegnen - im sogenannten „Pfarrerblock“, der durch das 1962 erschienene Buch „Pfarrerblock 25487. Dachau 1941-1942“ von Mgr Jean Bernard und Schlöndorffs Verfilmung („Der neunte Tag“) traurige Berühmtheit erlangen wird.

Der inhaftierte Bischof von Clermont-Ferrand, Mgr Gabriel Piguet weiht den seit 1940 im KZ Dachau getreulich ausharrenden Karl Leisner zum Priester – die einzige Priesterweihe, die in einem KZ stattgefunden hat. Unter den 213 Gratulanten zur Priesterweihe sind auch zwei Luxemburger Priester - Joseph Keup und Joseph Zeimes. Pfarrer Zeimes wird übrigens fünf Jahre nach Kriegsende den französischen Bischof Gabriel Piguet zur Tausendjahrfeier der „Basilika“ in Lenningen begrüssen können.

Ein letztes Mal kommt Karl Leisner mit dem Großherzogtum über die Wellen von Radio Luxemburg, dem damals größten Privatsenders Europas, in Berührung: Am 10. Juni 1945 notiert er in sein Tagebuch: „Herrliches Hochamt aus dem Luxemburger Dom“, der Heimstätte der „Trösterin der Betrübten“.

Wer ist Karl Leisner?

Der aus Rees stammende Leisner studiert in Münster Theologie. Er ist ein großer Freund der Jugend und wird 1934 vom späteren Kardinal von Galen, dem „Löwe von Münster“, zum „Diözesanjungscharführer“ ernannt. Am 25. März 1939 wird er zum Diakon in geweiht. Noch im selben Jahr erkrankt er an einer Lungentuberkulose und begibt sich in den Schwarzwald nach St. Blasien in ein Erholungsheim. Dort hört er am 8. November 1939 im Radio, dass das Attentat auf Adolf Hitler gescheitert ist. „Schade“ sagt er zu seinem Nachbarn im Krankenzimmer. „Schade“, dass Hitler unverletzt geblieben ist.

Das kleine Wort „Schade“ soll dem jungen Diakon und Betreuer der katholischen Jugend im Bistum Münster zum Verhängnis werden. Er wird am 9. November von der GESTAPO verhaftet und kommt zunächst in das KZ nach Sachsenhausen, 1941 dann nach Dachau. 5 Jahre lang – bis zum 29. April 1945 – wird er in der „Schule der Gewalt“, im KZ Dachau, gefangen sein.

Sein größter Traum ist Priester zu werden und frei zu sein. Seine Eltern bittet er in Kevelaer eine Kerze anzuzünden „mit der Bitte um baldige Freiheit und Priestertum“. Am 17. Dezember 1944 geschieht das Unfassbare: Heimlich wird Karl Leisner zum Priester geweiht.

Der französischer Bischof Gabriel Piguet ist ebenfalls in Dachau mit über 2.700 anderen Priestern aus ganz Europa gefangen. Eine junge Schwesternschülerin schmuggelt die heiligen Öle, einen Kelch und andere Gegenstände in das KZ Dachau, die für die Priesterweihe wichtig sind.

Für den Bischof schnitzen andere Gefangene im KZ den Stab des Bischofs und fertigen auch einen Bischofsring und die Mitra des Bischofs an. Am 26. Dezember 1944 feiert Karl Leisner seine erste – und einzige – Messe.

Groß ist die Freude als die US-Truppen im April 1945 Dachau befreien. „Die Dachauer düsteren Bilder fallen langsam von der Seele. Ich bin freier Mensch, Alleluja“, schreibt Karl Leisner, aber lange wird er nicht die Freiheit genießen können.

Schwer krank und entkräftet stirbt der Visionär Europas am 12. August 1945 im Waldsanatorium Planegg bei München – er, der vor Kriegsausbruch einmal verkündet hat: „Christus, das Geheimnis der Kraft Europas“. Die letzten überlieferten Worte Leisners sind von großer Symbolkraft: „Segne auch, Höchster, meine Feinde“.

Im Xantener Dom St. Viktor befindet sich die Grabstätte Leisners, der am 23. Juni 1996 von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen worden ist.

Heilige Sendung in irrender Zeit

Ein Blick in die Tagebücher zeugt vom richtungsweisenden Credo und vom kompromisslosen Gottvertrauen des versierten Theologen: „Du hast eine große, heilige, einmalige Sendung. Gerade für unsere schlappe, feige, irrende Zeit“.

Bescheinigen kann man dem Europäer Leisner auch einen ökumenischen Geist: „Und vielleicht – Gott weiß es – ist das der tiefste Sinn dieser elenden Zeit heute, daß wir uns zum Corpus Christi mysticum durchleiden, zu der so heißersehnten Einheit der Kirche“. Mehrmals äußert er sich positiv zum Thema der Einheit der Kirche. Auch spürt der kranke Karl Leisner im KZ die wohltuende Gegenwart seiner evangelischen Mitbrüder: Nicht nur 30 protestantische Geistliche aus dem Dachauer „Pfarrerblock“ gratulieren Leisner zu seiner Priesterweihe, sondern zeichnen auch noch für das „Festmahl“ verantwortlich.

Der Naturfreund Leisner ist auch ein kulturinteressierter Mensch: „Jetzt habe ich erkannt, dass Beethoven der größte Musiker aller Zeiten ist“, nachdem Leisner 1931 die „Missa Solemnis“ des Bonner Meisters gehört hat.

Eine umfassende und reich bebilderte Biografie des katholischen Märtyrers und wichtigen Zeugen der Hoffnung – auch für unsere Zeit – kann man auf www.karl-leisner.de einlesen.

Fotos

  • Der Feind kniet vor dem Feind, und der Feind segnet den Feind: Der Niederrheiner Karl Leisner wird am 17. Dezember 1944 vom französischen Bischof Gabriel Piguet im KZ Dachau heimlich zum Priester geweiht (Foto: Marc Jeck).
  • „Wage dein Leben, dich fordert die Zeit! Du wagst es für die Ewigkeit. Da gibt es kein haltloses, feiges Zagen, Nur eins gilt’s heute: Wagen, wagen!“, so ruft Karl Leisner der Jugend 1938 mutig zu (Foto: IKLK).
  • „Das ist der Kelch, aus dem Hunderte von Priestern im KZ Dachau die Kraft zum Martyrium getrunken haben“, so lautet die eingravierte Inschrift im Sockel des sogenannten Dachau-Kelches, der heute im niederrheinischen Gnadenort Kevelaer aufbewahrt wird (Foto: Marc Jeck).
  • Foto der Befreiung 1954 copyright KZ-Gedenkstätte Dachau.
  • In St. Blasien, im Südscharzwald, ist Karl Leisner zur Erholung in Kur, aber St. Blasien wird für den Theologen zum Wendepunkt. Hier der Dom von St. Blasien (Foto: Marc Jeck).
Marc JECK
 
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