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Gottes Nähe in einer verletzlichen Welt

Sonntagskommentar zum 4. Sonntag im Lesejahr A - Abbé Daniel Graul (01.02.2026)

Die Seligpreisungen sind sozusagen das programmatische Grundsatzpapier Jesu. Sie sind für uns Wegweiser und Zeichen der Hoffnung mitten in einer dunklen Welt. Sie ermutigen zum Leben, weil Gott das Leben will. Die Seligpreisungen gehören zu den bekanntesten Worten Jesu. Viele kennen sie, manche können sie teilweise auswendig, und viele haben sie schon unzählige Male gehört. Und doch wirken sie oft fremd. Sie widersprechen scheinbar unserem gewohnten Lebensstil, denn oft streben wir nach Erfolg, Sicherheit, Anerkennung und Kontrolle. Auf den ersten Blick scheint Jesu Verständnis von selig – glücklich – ein anderes zu sein als das von uns Menschen.

Jesus spricht Menschen selig – glücklich, die wir nicht unbedingt beneiden: die Armen, die Trauernden, die Hungernden, die Verfolgten, die Frieden stiften und dafür oft einen hohen Preis bezahlen. Es sind Menschen wie wir: Menschen mit Sorgen, Brüchen im Leben und offenen Fragen – Menschen, die nicht immer alles im Griff haben.

Wichtig ist: Die Seligpreisungen sind kein Katalog von Forderungen damit wir vor Gott gut dastehen, sondern in ihnen sagt Jesus vielmehr, wo Gott anwesend ist: dort, wo Menschen verletzlich sind, wo jemand trauert, sich sorgt oder versucht, sich für den Frieden einzusetzen.

Eine Aussage, die mich persönlich berührt, lautet: „Selig, die arm sind vor Gott.“ Sie ist eine Einladung anzuerkennen, dass ich nicht alles schaffen und nicht alles erklären muss. Viele Menschen sind überfordert – durch Krankheit, Erschöpfung oder weil das Leben anders verläuft als geplant. Hier gilt die Zusage: Gott ist dir nicht fern. Du darfst von ihm empfangen. Selig, die von Gott empfangen!

Die Seligpreisungen haben für Christinnen und Christen auch eine soziale Dimension. Sie rufen uns dazu auf, nicht gleichgültig zu bleiben gegenüber Armut, Ungerechtigkeit und Ausgrenzung. Sie laden uns ein, genauer hinzuschauen, wo Menschen Unterstützung brauchen und wo wir unsere Stimme erheben müssen. Außerdem entstehen Barmherzigkeit und Frieden nicht durch große Worte, sondern durch kleine Schritte: durch offenes Zuhören, durch Verzeihen, durch das Aushalten von Spannungen – und dadurch, dass wir einander nicht gleichgültig werden.

Die Seligpreisungen stellen leise, aber klare Fragen: Wo lasse ich Gott Raum in meinem Leben? Wo bin ich bereit, nicht sofort zu urteilen, sondern zuzuhören? Wo setze ich mich für Frieden ein, wo bin ich bereit nachzugeben? Wo berührt mich das Leid anderer – und welche Not gibt es auch in meinem eigenen Leben?

Die Seligpreisungen versprechen kein leichtes Leben. Aber sie eröffnen eine Perspektive, die trägt: ein Leben, das von Gott mitgetragen und begleitet wird. Am Ende des Matthäusevangeliums heißt es: „Siehe ich bin bei euch, alle Tage bis zum Ende der Welt.“ (Mt28,20) Vielleicht ist genau das der tiefere Grund der Seligpreisungen, Gott ist uns nah in unserer verletzlichen Welt.

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