Europäische Einigung ist das „Wunder Schumans“
Am 9. Mai 2026, dem Europatag, versammelten sich rund siebzig junge Menschen aus Luxemburg, Belgien und Frankreich.
Jean Claude Kardinal Hollerich erwies sich beim Robert Schuman Tag der Euregio in Metz als profunder Kenner der Geschichte Europas und hielt eine tiefgehende Laudatio auf den „verehrungswürdigen“ Robert Schuman.
Am 9. Mai 2026, dem Europatag, versammelten sich morgens im Priesterseminar in Metz und mittags in Scy-Chazelles rund siebzig junge Menschen aus Luxemburg, Belgien und Frankreich zu dem Robert-Schuman-Tag der Euregio. Organisiert von der „Mission étudiante de Moselle“ gemeinsam mit der „Université de Lorraine“ in Metz, stand die Begegnung unter dem Leitwort „Die Einheit der Völker gestalten“. Begleitet wurden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von mehreren Bischöfen der Großregion und dem päpstlichen Nuntius bei der EU, Mgr Bernardito Cleopas Auza. Im Mittelpunkt des Tages stand die Frage, welche Bedeutung das geistige und politische Erbe Robert Schumans für das heutige Europa besitzt.
Zu Beginn erinnerte der Erzbischof von Metz, Philippe Ballot, daran, dass Frieden weit mehr sei als die bloße Abwesenheit von Krieg. In einer Welt voller neuer Konflikte brauche Europa erneut Menschen, die wie Schuman Verantwortung übernehmen und Versöhnung wagen. Robert Schuman habe dies aus einem tiefen christlichen Glauben heraus getan. Er stand der Kirche sehr nahe blieb aber Laie, er verstand politisches Handeln als Dienst am Gemeinwohl. Sein tägliches Gebet, seine enge Bindung an die Eucharistie und seine schlichte Lebensweise haben seine Politik geprägt, so Bischof Ballot.
Im Zentrum des Vormittags stand die Rede des Luxemburger Kardinals Jean-Claude Hollerich. Er zeichnete das Bild Robert Schumans als „Mann der Grenzen“. Schuman, in Luxemburg geboren hatte in Deutschland studiert und verbrachte den Rest seines Lebens in Lothringen, er hat die Spannungen Europas aus eigener Erfahrung gekannt. Gerade diese Grenzerfahrung habe ihn gelehrt, dass Nachbarn nicht zu Feinden werden dürften. Mgr. Hollerich erinnerte daran, dass die großen Architekten Europas – Schuman, Adenauer oder De Gasperi – allesamt Männer gewesen seien, die aus Grenzräumen stammten, zwei Kriege erlebten, und aus christlicher Überzeugung heraus Versöhnung suchten. Dabei berichtete der Kardinal, der in Japan europäische Geschichte an einer kath. Universität unterrichtet hat, auch davon, wie schwer es gewesen sei japanischen Studenten klarzumachen, wie wichtig Versöhnung ist, in einem Land, das als Inselstaat keine direkten Nachbarn hat und auch keinen Robert Schuman.
Kardinal Hollerich dokumentierte seine passionierte Rede in Metz immer wieder auch mit Erfahrungen aus seiner eigenen Familiengeschichte. Ein Onkel von ihm sei unter der deutschen Besatzung mit seiner Familie von den Nazis nach Schlesien deportiert worden, seine Tante konnte deshalb lange keine Deutschen in ihr Haus lassen. Auch von der Echternacher Springprozession, die ja historisch in der Eifel ihren Ursprung hatte, seien nach 1945 einige Jahre deutsche Pilger ausgeschlossen gewesen Aber in Luxemburg seien im Gegensatz zu Deutschland und Frankreich, wo nur ein kleiner Teil der Bevölkerung in Grenzgebieten wohnt, fast alle Menschen Grenzbewohner, eingedenk der geringen Größe des Landes. Er selbst, so Kardinal Hollerich, sei in Vianden geboren, und um mit dem Bus ins Gymnasium nach Diekirch zu fahren, sei der Bus oft ein Stück durch Deutschland gefahren. Viele Luxemburger Orte, darunter auch Vianden und Echternach seien durch die 1815 gezogenen Grenzen künstlich geteilt worden, aber wären kirchlich lange noch eine Pfarrei geblieben.
Der Kardinal betonte, dass die europäische Einigung bereits ein „Wunder Schumans“ sei. Nach den Verwüstungen des Zweiten Weltkriegs sei die Feindschaft zwischen Frankreich und Deutschland sehr tief gewesen. Dennoch habe Schuman den Mut gehabt, gemeinsam mit Jean Monnet und Konrad Adenauer neue Wege zu gehen. Auch diese Wege habe Schuman nicht als erster beschritten, es gab sogar auf Schloss Colpach in Luxemburg bereits 1926 einen von dem Industriellen Émile Mayrisch geförderten deutsch-französischen Dialog, der eine internationale Rohstahlgemeinschaft als wichtigen Vorläufer einer Europäischen Gemeinschaft forderte. Aber bei Schuman blieb diese Forderung keine Utopie, weil er sie als Außenminister Frankreichs zu seiner konkreten Politik machte, indem er aus den Rohstoffen des Krieges, Kohle und Stahl, Rohstoffe der wirtschaftlichen Entwicklung und des Friedens machte. Für Kardinal Hollerich war dies Ausdruck einer Politik, die sich am Gemeinwohl und an der konkreten Praxis orientiert und nationale Interessen überwindet.
Besonders eindringlich sprach der Kardinal über die christlichen Wurzeln der europäischen Einigung. Schumans Denken sei stark von der benediktinischen Frömmigkeit und der katholischen Soziallehre geprägt gewesen. Die Benediktiner, die als erste demokratische Abtswahlen durchführten, gelten heute als „Erbauer Europas“. Frieden könne es nur dort geben, wo Gerechtigkeit, Solidarität und die Anerkennung der Würde jedes Menschen gelebt würden, sagte der Kardinal. Europa galt im 19. Jahrhundert als Wegbereiter der Nationalstaatsidee, der die Länder des Kontinents so oft in Kriege geführt hat. Mit dem von Schuman vorangetriebenen Europagedanken schuf sich Europa jedoch als erster Kontinent eine Art überstaatlicher Institution, die in der Überwindung des Nationalismus eine ihrer Hauptaufgaben sieht. Deshalb dürfe Europa heute nicht in einen neuen Nationalismus zurückfallen, sagte Mgr. Hollerich angesichts wiedererstarkenden rechtsradikalen Tendenzen in vielen Ländern Europas. Auch eine „euronationalistische“ Haltung widerspreche der ursprünglichen Idee der europäischen Gemeinschaft, so Kardinal Hollerich. Die Idee Europas ging bereits bei den Gründervätern über Europa hinaus. Europa braucht heute erneut Menschen, die sich für Frieden und Versöhnung weltweit einsetzen und den Mut hätten, über kurzfristige politische Interessen hinauszudenken.
Christlicher Glaube und politisches Engagement müssen einander ergänzen
Mit Blick auf die jungen Teilnehmer rief Hollerich dazu auf, Verantwortung für die Zukunft Europas zu übernehmen. Politik dürfe sich nicht allein an Umfragen orientieren, sondern müsse Visionen entwickeln, die dem Gemeinwohl dienten. Robert Schuman habe vorgemacht, dass christlicher Glaube und politisches Engagement einander ergänzen können, ohne in religiöse Selbstdarstellung zu verfallen. Seine Spiritualität sei still und zurückhaltend gewesen, habe aber sein gesamtes Handeln getragen.
Nach der Rede von Kardinal Hollerich vertieften zwei Workshops die historischen und politischen Dimensionen der europäischen Versöhnung. Der belgische Historiker von der Universität Luxemburg Christoph Brüll sprach über die Aussöhnung der europäischen Völker nach 1945. Dabei erinnerte er an symbolträchtige Momente wie das gemeinsame Auftreten von Helmut Kohl und François Mitterrand 1984 in Verdun oder an Willy Brandts Kniefall in Warschau 1970. Versöhnung, so Brüll, sei ein langer Prozess, der Erinnerung, Wahrheit und gegenseitige Anerkennung voraussetze. Oft sei dabei ein kirchlicher Versöhnungsprozess dem politischen vorausgegangen.
Am Nachmittag standen Begegnungen am Grab von Robert Schuman in Scy-Chazelles auf dem Programm. In Kleingruppen von 15-20 Personen wurden in der Grabkapelle von Robert Schuman Gebete für den Frieden und für den Seligsprechungsprozess durchgeführt. Neben dem bescheidenen Wohnhaus Robert Schumans, das jetzt Museum ist, fand auch das gewaltige Denkmal für die „Väter Europas“ das Interesse der Jugendlichen. Dort fiel jedoch auch dem päpstlichen Nuntius bei der EU, Mgr Bernardito Cleopas Auza auf, dass bei dem 2012 errichteten Denkmal des sowjetischen Bildhauers Tzereteli die Ukraine und die baltischen Länder fehlten. Insgesamt wurde am Ende des beeindruckenden Tages deutlich, dass das Vermächtnis Robert Schumans auch 76 Jahre nach der Schuman-Erklärung vom 9. Mai 1950 lebendig bleibt. Gerade in Zeiten wachsender Spannungen und nationalistischer Tendenzen ist es umso wichtiger daran zu erinnern, dass Frieden, Versöhnung und europäische Zusammenarbeit keine Selbstverständlichkeit sind, sondern immer wieder neu gestaltet werden müssen.
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Highlights
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Lettre pastorale du cardinal Jean-Claude Hollerich, Archevêque de Luxembourg, disponible en six langues.