“Eis Hémecht go’w geschloen, gemartert a verspott”
Emotionale Gedenkfeier mit Aufführung der “Hinzerter Messe” im ehemaligen KZ Hinzert als starkes Zeichen für eine gemeinsame Verantwortung
Traditionell am dritten Samstag im September findet im ehemaligen KZ Hinzert eine internationale Gedenkfeier in Erinnerung an die dort gemarterten Männer aus rund 20 Nationen statt. Von den über 1580 in Hinzert inhaftierten Luxemburger sind im SS-Sonderlager KZ Hinzert mindestens 83 Märtyrer aus dem Groβherzogtum gestorben. Im Mittelpunkt der Feierlichkeiten vom vergangenen Samstag stand die Erinnerung an jene 240 Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 20 Jahren, die im Hunsrück gelegenen Gefangenenlager die Schrecken des NS-Regimes erfahren mussten, sowie der 80. Jahrestag der Rückführung der in Hinzert ermorderten Luxemburger in die groβherzogliche Heimat.
Rund 130 Interessierte aus Luxemburg waren der Einladung der “Amicale des Anciens de Hinzert Luxembourg” gefolgt, um an der kollektiven Gedenkfeier im Dokumentationszentrum teilzunehmen, die musikalisch von jungen MusikerInnen aus Luxemburg im Alter zwischen 16 und 22 Jahren gestaltet wurde – eine schöne Geste um an die jugendlichen Häftlinge zu erinnern. Auch die Enkelin des Neffen eines Widerstandskämpfers aus Binsfeld, der Hinzert durchlief, trug einen Text vor im Gedenken an den 1952 für tot erklärten Michel Meyers.
“Ein Schlussstrich unter die Erinnerung wäre der Schlussstrich unter unsere Demokratie”: Dieser Schlüsselsatz vom deutschen Comedian Hape Kerkeling wurde in den Reden am Vormittag gleich zwei mal zitiert, während die rheinlandpfälzische Staatssekretärin für Wissenschaft, Weiterbildung und Gesundheit Dr. Tamara Müller die Erinnerung nicht nur als Gedenken an die Vergangenheit, sondern als “Verantwortung für die Gegenwart und die Zukunft” versteht. Die anschliessenden ökumenischen Segensgebete waren ebenfalls ein Appell für Zivilcourage in unserer aktuellen Zeit.
In diesem Sinne fand auch die sogenannte “Luxemburgische Messe” vor der 1948 errichteten Sühnekapelle statt, die der Generalvikar Patrick Muller zelebrierte. Ein besonderes Augenmerk lag auf dem musikalischen Programm. Die Chorale Sainte-Cécile Fetschenhaff-Cents, unter der Leitung von Marc Jeck, hatte eigens für die Gedenkfeier eine “Hinzerter Messe” zusammengestellt mit luxemburgischen Melodien, welche die Gefangenen im Herzen trugen, still oder sogar demonstrativ vor ihrer Erschiessung gesungen haben sollen. Der Kyrie-Ruf erklang auf die Weise “Wéi meng Mamm nach huet gesponnen”, der Gesang des Sanctus auf die erste Nationalhymne Luxemburgs “De Feierwôn”, das Benedictus auf die Nationalhymne aus der Feder von J.A. Zinnen und das Lamm Gottes auf die Melodie “O Mamm, léif Mamm” in Erinnerung daran, dass die Muttergottes stets eine gewichtige Stütze der Luxemburger Märtyrer während der NS-Zeit bildete. Das “Gloria” interpretierten die Sängerinnen und Sänger des 1968 gegründeten Kirchenchores aus einer Messe des selbst in Hinzert inhaftierten Domchorregens Jean-Pierre Schmit, der nicht nur unter Tränen am 10. März 1946 die Gesänge während der Gedenkfeierlichkeiten im Rahmen einer zweitätigen Landestrauer anlässlich der Überführung der in Hinzert ermordeten Luxemburger Widerstandskämpfer leitete sondern auch einige Wochen zuvor die exhumierten Leichen im ehemaligen KZ Hinzert segnete. Generalvikar Patrick Muller erinnerte daran, dass im Kontext des Trauerzuges von Hinzert nach Luxemburg vor 80 Jahren auch das aus Holzbalken des Lagers gezimmerte “Hinzerter Kräiz” von Joseph Colabianchi nach Luxemburg überführt wurde, das seither auf dem hauptstädtischen Liebfrauenfriedhof steht.
In seiner in luxemburgischer und deutscher Sprache gehaltenen Predigt ging der Generalvikar auf jene Stätte ein, wo das groβe Kreuz auf dem “Ehrenfriedhof” steht: “Dort wo einst die NS-Fahne wehte, ein Zeichen für Hass und Hoffnungslosigkeit, dort steht jetzt das Kreuz als Zeichen der Liebe und der Hoffnung”. Dann zitierte der Zelebrant jenes Gedicht, das im Luxemburger Wort am 8. März 1946 anlässlich der Landestrauer abgedruckt und am vergangenen Samstag erstmalig vom Centser Cäcilienverein mit Olivier Paschoud (Cello) und Paul Kayser (Orgelpositiv) auf die Melodie “O Haupt voll Blut und Wunden” interpretiert wurde: “Eis Hémecht go’w geschloen/Gemartert a verspott./O höllef dach erdroen/Dat Läd, barmhärz’ge Gott!/So’ hu mir Me’nt a Johren/Gebied mat krankem Härz./Dach be’ser go’wen d’Ploen/An de’wer gong de Schmärz./Mir hun dei Fridd, dei Liewen,/Deng Freihät an dei Glék/Erkaft mat eisem Stierwen./A ke’m de’ Zeit zerek./An däerfte mir näs stoen/Voll Kraft fir d’Hémecht an:/Fir d’Zwät gidde mir ‘t woen,/Wat mir fir d’e’scht gemat”.
Vor dem Segen bedankte sich Generalvikar Patrick Muller bei allen Beteiligten und insbesondere bei den musikalischen Komplizen der Feier für die berührende Musikauswahl. Den Dankesworten schloss sich Edmond Faber, Präsident der “Amicale des Anciens de Hinzert Luxembourg” an bevor die Namen der 83 in Hinzert gestorbenen Luxemburger Märtyrer verlesen wurde.
Nach dem Messopfer hatten die Gottesdienstbesucher die Gelegeneit die renovierten Statuen in der Kapelle – vor allem die 1949 angefertigte Statue der Trösterin der Betrübten des Hinzerter Häftlings Lucien Wercollier – zu bewundern. An den beiden Gedenksteinen für die 1942 und 1944 erschossenen 43 Luxemburger fand die internationale Gedenkfeier einen würdigen Abschluss und so manche Tränen flossen beim Singen der Nationalhymne vor dem Massengrab der 1944 ermordeten Resistenzler, wo es in der vierten Strophe heisst: “Looss viru blénken d’Fräiheetssonn, déi mir sou laang gesinn”.
Am Ende der Veranstaltung sagte ein 24-jähriger Musikstudent aus Köln: “Für mich hat sich heute wieder deutlich gezeigt, dass Erinnerung etwas Gemeinsames aller Generationen, aller Nationalitäten, aller Religionen sein sollte, um gemeinsam Verantwortung für eine friedliche Gegenwart und Zukunft zu tragen”.
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