Kardinal Hollerich: Geschichte als Maß und Orientierung
Beim Frankfurter Karlsamt erinnerte Kardinal Jean-Claude Hollerich an Karl den Großen als Begründer des Rechtsstaats und Maßstab von Krisen.
Das Karlsamt im Frankfurter Bartholomäusdom wurde in diesem Jahr zu einem klaren Plädoyer für Europa. Kardinal Jean-Claude Hollerich, Erzbischof von Luxemburg, verband das Erbe Karls des Großen mit den drängenden politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen des Kontinents. Im Mittelpunkt stand die zentrale Frage, wie stabil Europas Einsatz für Recht, Gerechtigkeit und eine regelbasierte Ordnung heute noch ist.
Der feierliche Gottesdienst „Karlsamt“ in Frankfurt wird seit dem Jahr 1332 am letzten Samstag im Januar gefeiert. Kaiser Karl der Große, der im Januar 814 starb, gilt als großer Förderer der Stadt Frankfurt, die während seiner Amtszeit Stadtrechte erlangte. Kaiser Karl den Große wird als „Rex Europa“ und Gründervater Europas verehrt und ist Patron der Stadt Frankfurt und des Kaiserdoms. Seit dem Jahre 1356 wurden die römisch-deutschen Könige in Frankfurt im Römersaal gewählt, darunter auch einige aus dem Hause Luxemburg. Gekrönt wurden die deutschen Könige seit 1556 bis 1806 im Frankfurter Bartholomäusdom.
In dieser geschichtlichen Tradition stand der Luxemburger Erzbischof Jean Claude Kardinal Hollerich, als er am Samstag, dem 31. Januar zunächst im Kaisersaal im Römer von einem Vertreter der Stadt Frankfurt empfangen wurde und als er danach den Weg zum Bartholomäusdom beschritt, wo er zunächst eine Stunde im Haus am Dom die Fragen des Direktors der Katholischen Akademie, Prof. Dr. Joachim Valentin, beantwortete.
Priesterwunsch schon mit sieben Jahren
Das Gespräch drehte sich zunächst um den Lebensweg und die Berufung von Jean Claude Hollerich. Bereits im Alter von sieben Jahren hatte der heutige Kardinal während eines Gebetstages in Vianden ein Glaubenserlebnis, das in ihm den Wunsch weckte Priester zu werden. Hollerich bezeichnete sich als Grenzgänger von klein auf. „Wer in Luxemburg aufwächst, lebt fast zwangsläufig zwischen Ländern, Sprachen und Mentalitäten“, sagte er. Französisch habe er bereits als Kind gelernt wegen den sehr populären französischen Kindersendungen. Diese frühe Erfahrung von Vielfalt setzte sich später in Tokio fort, wo der Jesuitenorden ihn hinschickte. Dort verbrachte er einen entscheidenden prägenden Abschnitt seines Lebens. Er lernte die Sprache und erfuhr den Alltag einer christlichen Minderheit in einer hochentwickelten, religiös pluralen Gesellschaft. In Japan entwickelte er auch ein feines Gespür für Nuancen und die Fähigkeit, Dinge aus anderen Perspektiven wahrzunehmen. Diese Haltung prägt auch sein Wirken in Luxemburg seit 2011. Den Verlust von gesellschaftlicher Macht versteht Kardinal Hollerich als Chance. Unter seiner Leitung positioniert sich die Luxemburger Kirche bewusst dialogorientiert, gesellschaftlich präsent und europäisch vernetzt. Luxemburg dient ihm dabei als Modell: ein Land, das seine Identität nicht aus Abgrenzung, sondern aus Vermittlung, Mehrsprachigkeit und Offenheit gewinnt.
Am Ende des Gesprächs im Haus am Dom mischte sich auch der Gastgeber, der Bischof von Limburg und Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Dr. Georg Bätzing, unter die Zuhörer. Er hatte sich bis dahin von seinem Weihbischof Dr. Thomas Löhr vertreten lassen, weil er an der Abschluss Veranstaltung des deutschen „Diözesanen Weges“ in Stuttgart teilgenommen hatte. Just zu diesem Moment hatte Joachim Valentin dem Luxemburger Erzbischof die Frage nach der Synodalität gestellt.
Mit Blick auf den Synodalen Weg in Deutschland betonte Hollerich, dass es ihm nicht zustehe, über eine Realität zu urteilen, die er nicht von innen kenne. Er würdigte jedoch die große Ehrlichkeit, mit der dieser Prozess in Deutschland entstanden sei. Bedauerlich sei die Spaltung unter den deutschen Bischöfen. Sowohl auf regionaler als auch auf überregionaler Ebene der Kirche müsse immer wieder um Einheit gerungen werden, sagte Hollerich. Mit Blick auf Südamerika, Asien und Afrika zeigte sich Hollerich jedoch überzeugt, dass dort mit der „Synode zur Synodalität“ in Rom wirklich etwas in Gang gekommen sei.
Karl der Große als „Rex Europa“
Bei seiner Predigt im feierlichen Karlsamt im Frankfurter Bartholomäusdom verband Kardinal Jean-Claude Hollerich Geschichte und Gegenwart Europas. Er erinnerte daran, dass die politische Kultur und Zivilisation des Kontinents wesentlich auf der Idee gewachsener Rechtsverbindlichkeit beruht. Karl der Große begann seine Herrschaft als fränkischer Stammesführer, ließ sich jedoch nach der Vereinigung der Stammesherrschaften im Jahre 800 vom Papst in Rom zum christlichen Kaiser nach biblischem Vorbild krönen und stellte seine Macht unter die Prinzipien einer gemeinsamen christlichen Rechtsordnung. Diese Grundlagen prägten über Jahrhunderte europäische Monarchien und legten das Fundament späterer Demokratien.
Heute jedoch sei dieses Erbe gefährdet: Machtpolitik, nationale Eigeninteressen und die Missachtung internationaler Regeln stellten Errungenschaften infrage, die lange als selbstverständlich galten. Kein Land habe das Recht, andere zu überfallen oder deren Ressourcen zu beanspruchen, sagte Kardinal Hollerich. Damit betonte er, dass der Einsatz für den Rechtsstaat nicht bloß politische Haltung, sondern christliche Pflicht sei. Die Kirche, so Hollerich, existiert nicht für sich selbst, sondern um der Welt zu dienen. Diese klare politische Botschaft des Luxemburger Erzbischofs wurde im voll besetzten Frankfurter Dom mit spontanem, anhaltendem Beifall aufgenommen – ein ungewöhnlicher Vorgang für das sehr traditionelle, altehrwürdige Karlsamt.
Kardinal Hollerich warnte zugleich vor europäischer Selbstzufriedenheit. Europa habe historisch davon profitiert, externe Impulse aufzunehmen und weiterzuentwickeln, doch heute drohe Trägheit und moralische Überheblichkeit. Wer eigene Denkweisen nicht hinterfragt, verliere langfristig geistige und politische Substanz. Mit Blick auf die Weltkirche bewies Kardinal Hollerich einen nüchternen Optimismus: In vielen Regionen des globalen Südens, wo Christen Minderheiten sind, entstehen heute Dialogfähigkeit, Dynamik und geistliche Kraft. Europa könne von diesen Erfahrungen lernen, wenn es sich als Teil einer vielfältigen globalen Wirklichkeit begreife und nicht als Zentrum.
Der Limburger Bischof Bätzing hatte den Luxemburger Kardinal zum Beginn des Karlsamtes mit einer persönlichen Note vorgestellt: Während seines Studiums 1989/90 zum Lizentiat an der Jesuiten-Hochschule Sankt Georgen war Hollerich bereits vier Monate als Diakon im Frankfurter Dom tätig und nahm bereits damals am Karlsamt teil. Seine Rückkehr als Kardinal verlieh dem Gottesdienst eine besondere Symbolik. Das Karlsamt 2026 wurde damit mehr als ein traditionsreicher Gedenkgottesdienst: Es wurde zu einem eindringlichen Appell an Europa– ähnlich wie die berühmte Europarede des Luxemburgers Robert Schuman im Jahr 1950, die zur Grundlage der deutsch französischen Aussöhnung und der Einheit Europas wurde.
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